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Medizin

Wie das Gehirn unangenehme Erinnerungen verdrängt

Freitag, 13. Juli 2007

Eine fMRI des Gehirns

Boulder – Das menschliche Gehirn kann emotional belastende Erinnerungen aus dem Gedächtnis löschen. Hirnforscher beschreiben in Science (2007; 317: 215-219) erstmals, welche Hirnzentren daran beteiligt sind. Ob dies zur Entwicklung neuer Therapien von Depressionen, Angstzuständen oder des posttraumatische Belastungsstörung (PTB) führt, bleibt abzuwarten. 

Die Frage, in welchem Maße Erinnerungen manipulierbar sind, beschäftigt die Psychologie, seit Sigmund Freud die Verdrängung als einen Abwehrmechanismus gegen tabuisierte und bedrohliche Bewusstseinsinhalten postulierte. In totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts wurde das erzwungene Vergessen in Form der Gehirnwäsche zu einem Mechanismus der Unterdrückung und Juristen müssen sich heute fragen lassen, ob die intensive Befragung von Gewaltopfern nicht dann und wann die Erinnerungen induziert, die dann zur Verurteilung unschuldiger Täter führt.

Psychologen haben längst bewiesen, dass Erinnerungen bewusst unterdrückt oder evoziert werden können. Ein klassisches Experiment beschrieb Michael Anderson von der Universität von Oregon 2001 in Nature (2001; 410: 366-369). Er bat Studenten, sich bestimmte Paare von Worten zu merken, wobei beide Bestandteile keinen Bezug zueinander hatten. Dann wurde den Probanden das eine der beiden Worte genannt, und sie wurden gebeten, intensiv an das andere Wort zu denken (Think) oder aber zu versuchen nicht daran zu denken (No think). Wochen später konnten die Probanden bei einem erneuten Gedächtnistest die Think-Worte häufiger erinnern als die No-Think-Worte.

Jetzt verwendete die Gruppe um Brendan Depue von der Universität von Colorado in Boulder die funktionelle Kernspintomografie (fMRI), welche Veränderungen im Hirnstoffwechsel sichtbar macht, um die Hirnstrukturen zu identifizieren, die bei der Unterdrückung von Erinnerung beteiligt sind. Erkennbar ist dies an einer gesteigerten Stoffwechselaktivität. Wieder wurden den Probanden semantisch unverwandte Begriffspaare gezeigt.

Statt Wörtern handelte es sich um Bilder, wobei das jeweils zweite Bild ein unangenehmes Motiv zeigte, beispielsweise einen Autounfall, einen verwundeten Soldaten, eine Gewaltszene oder einen elektrischen Stuhl. Nachdem sich die Probanden die Paare gemerkt hatten, wurden kernspintomografische Aufnahmen angefertigt. Dabei trugen die Probanden eine Spezialbrille, auf deren Monitor sie eines der beiden Bilder eines Paares sahen. Sie wurden gebeten, das jeweils andere aus dem Gedächtnis abzurufen (Think) oder dies bewusst zu vermeiden (No-Think).

Bei beiden Versuchen wurde eine Region im Präfrontalhirn aktiv, welche die Forscher als den „Sitz der kognitiven Kontrolle“ nennen. In der No-Think-Situation werden von hier aus nacheinander zwei andere Regionen ausgebremst, die normalerweise für die Erinnerung zuständig sind. Zunächst werden Zentren im Thalamus und in der Sehrinde inaktiviert, in denen die bildlichen Erinnerungen gespeichert werden. Danach werden die emotionalen Komponenten der Erinnerung blockiert, welche die Forscher im Hippocampus und in den Corpora amygdala vermuten. 

Dies belegt, dass das Gehirn in der Lage ist, Erinnerungen zu verdrängen, was offenbar eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist. Denn im Vergleich zum Menschenaffen sind die beteiligten Regionen deutlich vergrößert, sagt Depue, der auch gleich eine entwicklungsgeschichtliche Erklärung dafür parat hat.

Für den Steinzeitmenschen sei es möglicherweise überlebenswichtig gewesen, Gefahrensituationen, etwa den Angriff von einem wilden Tier, möglichst schnell wieder zu vergessen. Denn das Bewusstsein der Gefahr würde ihn sonst daran hindern, weiter der Jagd nachzugehen, was den Hungertod bedeutet hätte.

Auch heute kann die Fähigkeit zur Verdrängung nützlich sein. Die posttraumatische Belastungsstörung, an der viele Kriegsveteranen in den USA, aber auch die Zeugen von schweren Katastrophen leiden, lässt sich als die Unfähigkeit begreifen, emotional aufwühlende Erinnerungen beiseite zu legen. Ein No-Think-Training könnte hier ebenso sinnvoll sein wie bei der Behandlung von Phobien, Depressionen, Angstzuständen oder Zwangsneurosen.

Ob es den Psychologen jedoch gelingt, therapeutische Verfahren zur bewussten Löschung von Erinnerungen zu entwickeln, bleibt abzuwarten. Die kognitive Verhaltenstherapie könnte man im weitesten Sinn als eine Variante begreifen, strebt sie doch danach, bestimmte Verhaltensmuster aus dem Unterbewusstsein in die kognitive Ebene zu heben, um sie dann leichter ablegen zu können. © rme/aerzteblatt.de

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