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Medizin

Lokalanästhesie ohne Taubheitsgefühl

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Boston – Die Kombination eines Lidocain-Derivat mit Caspaicin entfaltete in tierexperimentellen Versuchen eine selektive Wirkung auf die Nociception. Glaubt man einer Publikation in Nature (2007; 449: 607-610), dann wird ausschließlich der Schmerzen gedämpft, während Berührungsempfinden und Motorik intakt bleiben. 

Trotz intensiver Forschung war es bisher nicht gelungen, ein Lokalanästhetikum zu finden, dass allein die Nociceptoren ausschaltet, die Berührungsempfindung jedoch unberührt lässt. Hat jetzt die Gruppe um Bruce Bean von der Harvard Medical School in Boston diesen „Heiligen Gral“ gefunden, wie das National Institute of Neurological Disorders and Stroke jetzt in einer Pressemitteilung schreibt?

Das ist sicherlich eine voreilige Bewertung, denn die Therapie, die das Team jetzt vorstellt, wurde bisher nur an Ratten getestet, die man schwerlich nach den Wirkungen und Nebenwirkung einer Lokalanästhesie befragen kann. Die Forscher stützen sich allein auf das Verhalten der Tiere, das gänzlich unverändert war, nachdem die Forscher den Tieren das Lokalanästhetikum in die Pfoten gespritzt haben.

Und nach einer regionalen Anästhesie im Bereich des Ischiasnerven beobachteten die Forscher keinerlei motorische Störungen der Versuchstiere, die jedoch auf Hitze und Schmerzreize hin unempfindlich wurden. Ob die Wissenschaftler tatsächlich auf eine verbesserte Form der Lokalanästhesie gestoßen sind, müssen jetzt klinische Studien zeigen.

Die jetzige Publikation ist das Ergebnis einer langjährigen Grundlagenforschung. Bereits seit den 70er-Jahren fördern verschiedene National Institutes of Health die Erkundung der Schmerzentstehung. Dabei wurde entdeckt, dass Lokalanästhetika wie Lidocain in die Zellen eindringen und intrazellulär die Schmerzimpulse unterdrücken. Anders als Lidocain kann das Derivat QX-314 die Zellmembran nicht durchdringen. Dies ist nur möglich, wenn ein membrangebundener Ionenkanal namens TRPV1 geöffnet wird. Dieser Kanal TRPV1 existiert nur auf schmerzleitenden Neuronen. Damit wäre eine selektive Schmerzunterdrückung möglich, da ein derartiger „Porenöffner“ bekannt ist.

Es ist das Gewürz Capsaicin, ein in Paprika (Capsicum) enthaltenes Alkaloid. Capsaicin ist ein TRPV1-Agonist. Es öffnet den Ionenkanal und induziert dadurch einen Hitzereiz, der auf der Zunge als scharf empfunden wird. Pathogenetische Überlegungen führten dann zu dem Kombinationspräparat, das – sollte es sich in klinischen Studien als wirksam erweisen – einmal mehr zeigen würde, dass Grundlagenforschung sich in der Medizin durchaus auszahlen kann.

Aus den Überlegungen lässt sich  allerdings auch ableiten, dass die Therapie nicht ohne Nebenwirkung bleiben wird. Bereits die topische Applikation von Capsaicin auf der Haut kann einen Schmerzreiz auslösen. Er dürfte bei einer Infiltration des Alkaloids deutlich intensiver ausfallen. Ob dies durch eine sequenzielle Applikation (Capsaicin im Intervall nach QX-314) vermieden werden kann, gehört ebenfalls zu den Fragen, auf die nur klinische Studien eine Antwort liefern können.

Sollten die Studien erfolgreich verlaufen, dürfte es vielfältige Anwendungsgebiete geben. Ein Beispiel wäre die Geburtshilfe, wo ein Erhalt der Sensibilität bei guter Schmerzlinderung sich sicherlich positiv auf die Austreibungsphase der Geburt auswirken würde. © rme/aerzteblatt.de

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