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Medizin

Wie Stress am Arbeitsplatz das Herz schädigt

Mittwoch, 23. Januar 2008

London – Stress am Arbeitsplatz fördert die Entstehung der koronaren Herzkrankheit (KHK). Nach einer neuen Auswertung der Whitehall-Studie im European Heart Journal (2008; doi:10.1093/eurheartj/ehm584) sind dafür in gleichem Maße ein ungesunder Lebensstil als auch direkte Auswirkungen des Stresses auf neuroendokrine Regelkreise verantwortlich.

Die originale Whitehall Studie, benannt nach dem Regierungsviertel in der britischen Hauptstadt, ist eine der bedeutendsten epidemiologischen Studien aus der Arbeitsmedizin. Die 1967 begonnene Langzeituntersuchung war zu dem bemerkenswerten Ergebnis gekommen, dass (männliche) Angestellte der unteren Besoldungsgruppen häufiger als leitende Beamte an kardiovaskulären Erkrankungen leiden und früher sterben, obwohl sich die Tätigkeiten in beiden Gruppen zunächst nicht unterscheiden.

Beide Gruppen verbringen ihr Arbeitsleben im Büro, die meisten davon hinter einem Schreibtisch. Zunächst wurden schichtspezifische Unterschiede im Freizeitverhalten als Erklärung herangezogen. Doch auch wenn das in unteren Schichten verbreitete Rauchen, die häufigere Adipositas und die passivere Freizeitgestaltung berücksichtigt wurden, blieb noch ein Unterschied zwischen unteren und oberen Staatsdienern. Dies war einer der Gründe für die im Jahr 1985 begonnenen Whitehall II Studie, an der sich 10.308 männliche und weibliche Angestellte von 20 Londoner Behörden beteiligen. Sie werden seither regelmäßig befragt oder untersucht. Im Oktober letzten Jahres hat die neunte Phase begonnen. Die Daten der ersten sieben Phasen hat die Gruppe um Sir Michael Marmot vom University College in London jetzt ausgewertet.

In den ersten beiden Phasen hatten die Angestellten Fragebögen zum Stress am Arbeitsplatz ausgefüllt, in der Phase 3 waren sie nach Verhaltensweisen befragt worden, die das KHK-Risiko erhöhen. In dieser Untersuchung wurden auch Parameter des metabolischen Syndroms erhoben. In der Phase 7 wurde in zwei Speichelproben der morgendlichen Kortisolwert bestimmt. Diese Ergebnisse wurden dann zu den Angaben der Teilnehmer zur KHK in Beziehung gesetzt. Das Ergebnis liefert nach Einschätzung der European Society of Cardiology den bisher besten Beweis dafür, dass Arbeitsstress in der Tat herzkrank macht.

Angestellte, die in den beiden ersten Phasen einen vermehrten Arbeitsstress angegeben hatten, erkrankten in bisher 12 Jahren der Nachbeobachtung häufiger an Angina pectoris, an einem Herzinfarkt oder starben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Signifikant war die Assoziation nur für die Altersgruppe der 37- bis 49-Jährigen. Für sie ermittelten die Epidemiologen eine Hazard Ratio von 1,68. Bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,17 bis 2,42 war dies ein hoch signifikantes Ergebnis (p<0,01).

Die Ursache für die erhöhte kardiale Morbidität und Mortalität war einmal der ungesunde Lebensstil der gestressten Staatsdiener. Sie verzehrten weniger Obst und Gemüse, bewegten sich weniger, waren (tendenziell) körperlich weniger aktiv, waren (tendenziell) häufiger Raucher - und tranken aber weniger Alkohol. Beruflicher Stress war auch mit den Kennzeichen des metabolischen Syndroms wie großem Bauchumfang oder Erhöhungen bei Nüchternglukose, Triglyzeride, Cholesterin und Blutdruck assoziiert. Nach den Berechnungen der britischen Epidemiologen lassen sich etwa 16 Prozent des durch den Stress erhöhten kardiovaskulären Risikos auf das metabolische Syndrom zurückführen.

Weitere 16 Prozent gehen nach Ansicht von Marmot und Mitarbeitern auf das Konto einer vermehrten Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Achse. Beleg hierfür war eine verminderte Variabilität der Herzfrequenz, eine typische Folge eines abgeschwächten vagalen Tonus (also eine vermehrte sympathische Stressaktivierung des Herzens). Ein weiterer Hinweis hierfür war ein stärkerer morgendlicher Anstieg der Cortisolspiegel.

In der Phase 7 der Studie war bei den Teilnehmern zweimal nach dem Aufstehen der Cortisolspiegel in Speichelproben bestimmt worden, einmal nach dem Aufwachen und dann 30 Minuten später. Die Forscher hatten gehofft, bei den in Phase 1 und 2 besonders gestressten Personen einen vermehrten Anstieg der morgendlichen Kortisolwerte zu finden, was aber nicht der Fall war. In einer Querschnittsuntersuchung zum Zeitpunkt der Phase 7 fand sich dann aber doch eine Assoziation.

Insgesamt erklären das metabolische Syndrom (als Zeichen eines ungesunden Lebensstils) und neuroendokrine Mechanismen 32 Prozent der Unterschiede im KHK-Risiko zwischen Gestressten und nicht gestressten Teilnehmern der Whithall-II-Studie. Mit anderen Worten: Zwei Drittel der Unterschiede sind weiter unklar, weshalb es gute Gründe gibt die Studie weiter fortzusetzen. © rme/aerzteblatt.de

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