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Medizin

Neue Studie: Mehr Überlebende nach Reanimation ohne Atemspende

Mittwoch, 12. März 2008

Scottsdale – Eine umstrittene Form der Reanimation, die in den ersten Minuten vollständig auf eine Atemspende verzichtet, hat in einer prospektiven Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2008; 299: 1158-1165) die Überlebenschancen von Patienten verbessert, die außerhalb einer Klinik einen Herzstillstand erlitten.

Vor drei Jahren hatte der Kardiologe Gordon Ewy von der Universität in Tucson/Arizona sein Konzept einer „kardiozerebralen“ Reanimation vorgeschlagen (Circulation 2005; 111; 2134-2142). Versuche an Schweinen hatten gezeigt, dass die bisher geltenden Regeln, bei denen die Brustkompressionen regelmäßig für Atemspenden unterbrochen werden, zu einer schlechteren Durchblutung von Herzmuskel und Gehirn führen als eine kontinuierliche Fortsetzung der Brustkompressionen in den ersten Minuten.

Inzwischen haben Ewy und Kollegen das Verfahren verfeinert. Sie nennen es jetzt „minimally interrupted cardiac resuscitation“ oder MICR. Sie beginnt mit einer initialen Serie von 200 ununterbrochenen Brustkompressionen, gefolgt von einer Analyse des Herzrhythmus und einem einzigen Elektroschock (als Versuch der Kardioversion). Daran schließen sich weitere 200 Brustkompressionen an, bevor der Patient nach einer Puls- oder instrumentellen Rhythmusanalyse Epinephrin (Adrenalin) erhält und nach einer Intubation beatmet wird.

Die Kardiologen haben Notfallambulanzen und Feuerwehren in zwei Großstädten in Arizona in der MICR ausgebildet. Inzwischen wurden 668 Patienten reanimiert, von denen 36 die Klinik später lebend verließen. Diese Erfolgsrate von 5,4 Prozent war dreimal höher (Odds Ratio 3,0; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,1-8,9) als die Erfahrungen bei 218 konventionell reanimierten Patienten, von denen nur vier (1,8 Prozent) überlebten. Besonders günstig waren die Ergebnisse bei Patienten, die vor Zeugen kollabierten, bei denen also eine kardiale Ätiologie offensichtlich war.

Hier verließen vor Einführung des MICR zwei von 43 Patienten (4,7 Prozent) die Klinik lebend. Mit der MICR stieg die Erfolgsrate auf 17,6 Prozent. Das ergibt eine Odds Ratio von 8,6 (1,8-42,0). Auch im Vergleich zu der Gesamtzahl aller Patienten, die in den Stadtregionen wegen eines Herzstillstands behandelt wurden, ist die MICR im Vorteil: Die Überlebensrate wurde von 3,8 auf 9,1 Prozent beinahe verdreifacht. Ewy sieht in diesen Ergebnissen eine Bestätigung seines Konzeptes, räumt aber ein, dass der definitive Beweis eine randomisierte kontrollierte Studie erforderlich machen würde.

Die Studie bestätigt die Ergebnisse der im letzten Jahr publizierten SOS-KANTO-Studie, die sich allerdings auf die Reanimation durch Laien bezog. In der in Japan durchgeführten Studie konnte die Zahl der Patienten, welche die Klinik später lebend und ohne neurologische Schäden verließen, verdoppelt werden (Lancet 2007; 369: 920-926). Im Dezember 2007 erschienen in Circulation zwei weitere Studien aus Schweden und Japan, deren Autoren sich ebenfalls für den Verzicht auf die Atemspende aussprachen.

Die geltenden Leitlinien sehen sowohl für die professionelle Reanimation als auch für die Ersthilfe durch Laien eine Atemspende vor. Das Verhältnis von Brustkompressionen zur Atemspende wurde jedoch in der jüngsten Version (2005) von vormals 15 zu zwei auf 30 zu zwei verändert. Die Editorialisten Mary Ann Peberdy und Joseph Ornato von der Virginia Commonwealth University in Richmond sehen deshalb in dem neuen Ansatz keine Revolution, die sich erst noch durchsetzen müsste, sondern eher eine „evolutionäre“ beziehungsweise allmähliche Entwicklung, die ihrer Ansicht nach durch eine randomisierte kontrollierte Studie gestützt werden sollte (JAMA 2008; 299: 1188-1190). © rme/aerzteblatt.de

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