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Medizin

Negativstudie zum Bispektralindex®: Mini-EEG kann Wachheit in Narkose nicht verhindern

Donnerstag, 13. März 2008

St. Louis – Eine steigende Zahl von Anästhesisten setzt ein kleines Gerät ein, das auf der Basis weniger EEG-Ableitungen die Tiefe der Narkose zu messen vorgibt. Doch in einer randomisierten Studie im New England Journal of Medicine (NEJM 2008; 358:1097-1108) war der Bispektralindex® nicht in der Lage, die Häufigkeit von Wachheitserlebnissen zu senken.

Der Bispektralindex (BIS) ist ein kleines Gerät der Firma Aspect Medical Systems. Es darf in den USA seit 2003 bei Anästhesien eingesetzt werden, um die Narkosetiefe zu kontrollieren. Das Gerät rechnet – nach einem vom Hersteller geheim gehaltenen Verfahren – die EEG-Ableitungen weniger Messpunkte auf der Stirn in einen BIS-Index von 100 (völlig wach) bis 0 (Keine Hirnströme) um. Als erstrebenswert gelten Werte zwischen 40 bis 60. Das ist sehr praktisch und nach Angaben des Herstellers setzen 70 Prozent der “Top-Kliniken” in den USA das Gerät ein.

Die Evidenz stützt sich auf eine randomisierte kontrollierte Studie des Herstellers: In dieser B-Aware Studie senkte das BIS-Monitoring die Rate der Patienten mit Wachheitserlebnissen während der Operation um 82 Prozent (Lancet 2004; 363: 1757-1763). Über solche Wachheitserlebnisse berichtet etwa einer von tausend Patienten, die sich aber der Aufmerksamkeit der Medien sicher sein können, spätestens seit dem Film “Awake” (USA, 2007), der dieses Phänomen thematisierte.

Nun zieht eine neue randomisierte Studie, die B-Unaware-Studie, die Effektivität des BIS-Monitoring infrage. Michael Avidan von der Washington Universität in St. Louis und Mitarbeiter haben 2000 Patienten auf ein BIS-Monitoring oder ein ETAG-Monitoring (“end-tidal anesthetic gas“) randomisiert. Beim ETAG-Monitoring wird die Narkosetiefe anhand der Anästhesiegaskonzentrationen abgeschätzt, was sich in der Studie als ebenso effektiv erwiesen hat wie ein BIS-Monitoring.

In beiden Gruppen berichteten zwei Patienten später über Wachheitserlebnisse. Bei fünf weiteren Patienten (vier im BIS-Arm und einer im ETAG-Arm) wurde ein Wachheitserlebnis als möglich eingestuft. Dies entspricht in etwa der zu erwartenden Rate, wenn man bedenkt, dass es sich um Risikopatienten handelte: Sie hatten entweder in früheren Operationen ein Wachheitserlebnis gehabt oder nahmen langfristig Medikamente wie Anti-Epileptika, Opiate, Benzodiazepine oder die Droge Kokain ein, welche das Risiko ebenso erhöhen soll wie eine Ejektionsfraktion unter 40 Prozent.

Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Studien ist das ETAG-Monitoring. In der B-Aware-Studie wurde in der Vergleichsgruppe nur eine Standard-Überwachung der Narkosetiefe durchgeführt. Der Hersteller verweist in einer Stellungnahmen auch darauf, dass das ETAG-Monitoring derzeit nicht zur Routine gehört. Es hat allerdings den Vorteil, dass es ohne weitere Geräte möglich ist.

Der Editorialist Beverley Orser von der Universität Toronto kritisiert, dass das BIS-Monitoring voreilig eingeführt wurde (NEJM 2008; 358: 1189-1190). Der Experte muss aber eingestehen, dass Anästhesisten derzeit nicht in der Lage sind, Wachheitserlebnisse während der Operation sicher zu vermeiden. Diese treten aber sicherlich wesentlich seltener auf, als die meisten Menschen glauben, nachdem sie den (von Kritikern eher schwach bewerteten) Film angesehen haben oder den Betroffenheitsberichten in TV-Talkshows exponiert waren. © rme/aerzteblatt.de

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