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Medizin

Monoklonale Antikörper gegen Grippe wirksam

Freitag, 2. Mai 2008

Oklahoma City – US-Forscher haben ein Verfahren entwickelt, das die Herstellung von monoklonalen Antikörpern stark beschleunigt. Statt einer jahrelangen und oft vergeblichen Suche nach der „Nadel im Heuhaufen“ könnte die Arzneimittelforschung schon bald vorhersehbar sein  und in nur einem Monat Medikamente entwickeln, die nicht nur gegen Grippeviren – wie in der Publikation in Nature (2008; doi: 10.1038/nature06890) beschrieben –, sondern gegen eine Vielzahl von Infektionen wirksam wären.

Bislang ist die Herstellung von monoklonalen Antikörpern sehr mühsam, was auch erklärt, warum in den letzten drei Jahrzehnten nur etwa 30 Medikamente zugelassen wurden, obwohl das Prinzip ihrer Herstellung seit 1975 bekannt ist. Damals beschrieben Milstein, Köhler und Jerne (Nobelpreis 1984), wie sich spezifische Antikörper durch Verschmelzung von Plasmazellen (die sie natürlicherweise bilden) und Myelomzellen (die als „Fabrik“ dienen) in unbegrenzter Menge herstellen lassen. Es war jedoch schwierig, in der unendlichen Menge aller Plasmazellen des menschlichen Serums diejenigen zu finden, die den gesuchten Antikörper herstellt.

Die buchstäbliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen war sehr mühsam. Und da sich die Antigenität der Viren ständig ändert, wie etwas bei den Grippeviren, war es sinnlos monoklonale Antikörper gegen Infektionen zu suchen, obwohl es im Prinzip kein natürlicheres Medikament gibt. Sind doch die von den Plasmazellen nach Infektionen gebildeten Antikörper dafür verantwortlich, dass die meisten Virusinfektionen rasch überstanden werden.

Die Lösung, welche die Gruppe um Patrick Wilson von der Universität in Oklahoma City jetzt anbietet, besteht darin, Probanden mit einem Impfstoff zu immunisieren. Im Blut kommt es dann zur Bildung von Antikörper-sezernierenden Plasmazellen (ASC). Besonders ausgeprägt ist dies nach einer Zweitimpfung. Dieser „Booster“ hatte bei den Probanden der Studie eine starke Vermehrung der ASC zur Folge. Ihr Anteil an allen B-Zellen des Blutes stieg nach einer Woche auf sechs Prozent, und 80 Prozent dieser Zellen bildeten Grippe-spezifische Antikörper. Diese Antikörper konnten dann schnell isoliert und geklont werden.
 

Nach weniger als einem Monat standen monoklonale Antikörper gegen die aktuellen Grippeviren zur Verfügung. Mehr als ein „Teelöffel Blut“ wäre nicht erforderlich, um mit der Fabrikation von monoklonalen Antikörper zu beginnen, sagt Wilson. Hinzu kommt, dass in der Regel nicht ein einzelner Antikörper, sondern mehrere gefunden werden (Das Immunsystem greift die Erreger von mehreren Seiten an). In den Experimenten wurden über 50 unterschiedliche monoklonale Antikörper gefunden.

Die Forscher glauben auch, einen wichtigen Einwand gegen den Einsatz von monoklonalen Antikörpern bei Infektionen widerlegen zu können. Die Hypothese der „Antigen-Erbsünde“ (original antigenic sin) besagt, dass ein Immunsystem nach dem Kontakt mit einer neuen Variante eines Virus, also beispielsweise den Viren der aktuellen Grippewelle, bevorzugt Antikörper gegen Viren einer früheren Grippewelle bildet. Diese monoklonalen Antikörper wären dann als Medikamente weniger wirksam. Dies ist nicht der Fall, so versichern die Autoren zumindest.

Wenn sie Recht haben, könnte die neue Entdeckung das Verfahren zur Bildung von monoklonalen Antikörpern „revolutionieren“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Denn das Verfahren bliebe nicht nur auf die Grippe beschränkt, es ließen sich Gegenmittel gegen alle denkbaren Viren und Bakterien herstellen. Die Forschung scheint sich aber in einem sehr frühen Stadium zu befinden und es bleibt abzuwarten, was daraus wird. Nach der Entdeckung der monoklonalen Antikörper in den Siebzigerjahren war auch schon einmal das Ende aller Infektionskrankheiten vorhergesagt worden. © rme/aerzteblatt.de

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