NewsMedizinGonarthrose: Arthroskopische Operation in Studie ohne Vorteile
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Gonarthrose: Arthroskopische Operation in Studie ohne Vorteile

Donnerstag, 11. September 2008

London/Ontario/Boston – Zwei Studien im New England Journal of Medicine (NEJM) weisen auf eine mögliche Übertherapie bei der Gonarthrose hin. In der einen Studie war eine arthroskopische Operation mit Lavage und Débridement des Kniegelenks einer konservativen Therapie nicht überlegen. Die andere Studie zeigt, dass nicht jeder Befund eines Meniskusschadens in der Kernspintomografie behandlungsbedürftig ist.

Schon vor einigen Jahren war eine randomisierte Studie in den USA zu dem Ergebnis gekommen, dass eine arthroskopische Revision bei Patienten mit Gonarthrose die Beschwerden nicht besser lindert als eine Scheinoperation (NEJM 2002; 347: 81-88). Die Ergebnisse überzeugten damals die Centers for Medicare and Medicaid Services, die seit 2003 diese Eingriffe nicht mehr bezahlen.

Die meisten Orthopäden reagierten mit Unverständnis, da sie die “Reinigung” des Kniegelenks anatomisch und pathogenetisch für plausibel halten. Die jetzt publizierte Studie kanadischer Forscher bestätigt allerdings die Vorbehalte gegen die häufigen Eingriffe (NEJM  2008: 359: 1097-1107).

Alexandra Kirkley von der Universität in London/West-Ontario randomisierte 178 Patienten auf eine arthroskopische oder eine konservative Behandlung. Die Operation bestand in einer Synovektomie und einem Débridement. Bei Bedarf wurden Schäden an Menisken oder Knorpel revidiert und Osteophyten abgetragen, wenn sie eine vollständige Streckung des Gelenks behinderten.

Die Ergebnisse dieser sorgfältigen chirurgischen Revision des Kniegelenks waren jedoch nicht besser als nach einer konservativen Behandlung bestehend aus einer Bewegungstherapie, der Gabe von Paracetamol und nichtsteroidalen Antiphlogistika, Glukosamin und der Injektion von Hyaluronsäure. Zwei Jahre nach der Behandlung fanden die Forscher keine Unterschiede im Befinden der Patienten zwischen den beiden Gruppen. Sowohl im Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index (WOMAC), der die Gelenkbeschwerden beurteilt, als auch im Short Form-36 (SF-36) Fragebogen zur Lebensqualität waren die Ergebnisse in etwa gleich.

Die Studie bedeutet indes nicht, dass alle Meniskusoperationen am Kniegelenk sinnlos sind, warnt der Editorialist Robert Marx vom Hospital for Special Surgery in New York im Editorial (NEJM 2008; 359: 1169-1170). Er weist darauf hin, dass Patienten mit einem klassischen Meniskusschaden, der klinisch diagnostiziert werden konnte, von der Teilnahme an der Studie ausgenommen waren.

Die Studie erfasste allerdings die Mehrzahl der Patienten, die sich wegen Schmerzen an den Orthopäden wenden. Heute wird häufig zur diagnostischen Abklärung nicht nur eine Röntgenaufnahme angefertigt, sondern auch eine Kernspintomografie. Dort finden sich gar nicht selten Zeichen einer Meniskusschädigung, die häufig zur Empfehlung eines chirurgischen Eingriffs führen. Die partielle Meniskektomie gehört mittlerweile zu den häufigsten orthopädischen Eingriffen am Kniegelenk.

Eine unkritische Indikationsstellung könnte jedoch mehr schaden als nutzen, denn nach einer Meniskusoperation sei das Risiko einer Arthrose erhöht, schreibt Martin Englund von der Universität Boston. Der Forscher berichtet über eine Querschnittsstudie, die in der Kleinstadt Framingham (bekannt wegen der Framingham Heart Study zu der die aktuelle Untersuchung keine Beziehung hat) durchgeführt wurde (NEJM 2008; 359: 1108-1115). Die Forscher luden eine repräsentative Gruppe von Einwohnern im Alter von 50 bis 90 Jahren zu einer kernspintomografischen Untersuchung des rechten Knies ein.

Die Studie an 991 Personen ergab, dass die Prävalenz von Meniskusschäden mit dem Alter zunimmt. Bei 50- bis 59-jährigen Frauen betrug sie 19 Prozent, bei den 70- bis 90-jährigen Männern fanden die Orthopäden bei 56 Prozent einen Schaden. Der Einfluss von Alter und Geschlecht ist an sich nicht ungewöhnlich. Bemerkenswert ist jedoch, dass 61 Prozent aller Personen mit Meniskusschäden keinerlei Beschwerden hatten.

Diese Patienten dürften nicht Gefahr laufen unnötigerweise operiert zu werden. Anders ist dies bei Patienten, die unter Arthroseschmerzen leiden. Bei diesen Patienten finden die Orthopäden neben den Arthrosezeichen (zum Beispiel Verschmälerung des Gelenkspalts, Osteophyten, Sklerose) häufig auch Beschädigungen der Menisken, so auch in der aktuellen Studie.

So hatten Patienten mit Arthrose (zwei oder mehr Punkte auf dem Kellgren–Lawrence-Score) und Kniebeschwerden zu 63 Prozent Meniskusrisse. Mit 60 Prozent fast ebenso häufig waren die Meniskusrisse bei Patienten mit Arthrose aber ohne Beschwerden. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

1. April 2019
Fulda/Berlin/Ulm/Gießen – Macht ein Patient mit Knorpelschäden Kniebeugen, dann entstehen Geräusche, die typisch sind und sich von anderen Geräuschen abheben. Die technische Auswertung dieser
Schalldiagnostik künftig mögliches Verfahren zur Knorpelbeurteilung im Knie
14. März 2019
Boston – Britische Patienten, die wegen Arthroseschmerzen mit dem als sicher eingestuften Opioid Tramadol behandelt wurden, hatten im ersten Behandlungsjahr ein erhöhtes Sterberisiko gegenüber
Tramadol kann Sterberisiko von Patienten mit Arthrose erhöhen
5. Februar 2019
Ulm – Wissenschaftler aus acht europäischen Ländern wollen Knorpeldefekte im Knie mit neuartigen Biomaterialien ersetzen und so das Risiko eines weiteren Gelenkverschleißes verringern. An dem mit 5,5
Europäisches Verbundprojekt erprobt Strategien gegen Kniearthrosen
31. Januar 2019
Berlin – Patienten, die ihren Gelenkzustand, ihre Zufriedenheit und etwaige Komplikationen nach einer arthroskopisch durchgeführten Gelenk-OP an Knie, Hüfte oder Schulter im Deutschsprachigen
Patientenbeteiligung am Arthroskopieregister verbessert Versorgung
23. Januar 2019
Cambridge/England – Eine genomweite Assoziationsstudie an fast eine halben Millionen Menschen hat 65 Genvarianten entdeckt, deren Träger ein erhöhtes Risiko haben, an einer Arthrose zu erkranken. Die
Arthrose-Gene liefern Anregungen für neue Therapien
30. November 2018
Berlin – Ein künstliches Hüftgelenk hält bei 90 Prozent der Patienten 20 Jahre, 95 Prozent sind zufrieden mit dem Implantat. Knieprothesen sind im Schnitt nach 15 Jahren bei mehr als 92 Prozent der
Endoprothesenregister könnte als Basis für die geplante Implantat-Meldestelle dienen
26. Juli 2018
Berlin – Im deutschsprachigen Arthroskopieregister (DART) ist ab sofort ein neues Schultermodul verfügbar. Nach dem Knie sei die Schulter nun das zweite große Gelenk, das in einem Modul zur
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER