Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Diabetes: ASS oder Vitamine ohne Vorteile in der Primär­prävention von Herz-Kreis­lauf-Erkrankungen

Freitag, 17. Oktober 2008

Dundee – Während Diabetologen zu einem großzügigen Einsatz von Thrombozytenaggregationshemmern wie ASS zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen raten, findet eine randomisierte klinische Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2008; 337; a1840) keine Vorteile dieser Therapie. Auch die Gabe von antioxidativen Vitaminen blieb wirkungslos. 

Fest steht, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache von Diabetikern sind. Unbestritten ist auch, dass der langjährig erhöhte Blutzucker, sicherlich aber auch die begleitenden Störungen des Lipidstoffwechsels und die Hypertonie die Atherosklerose beschleunigen. Auslöser für Herzinfarkt und Schlaganfall sind dann häufig arterielle thrombotische Ereignisse, denen im Prinzip durch die Gabe von Acetylsalicylsäure (ASS) vorgebeugt werden könnte.

In der Sekundärprävention, also nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt, ist diese Therapie unumstritten. Die Datenlage für die Primärprävention ist jedoch weitaus unsicherer. Vor diesem Hintergrund dürften die Ergebnisse der Prevention Of Progression of Arterial Disease And Diabetes oder POPADAD-Studie Einfluss auf die Empfehlungen zukünftiger Leitlinien haben.

Diese legen den Patienten nämlich derzeit die Einnahme von ASS nahe, wenn die Ärzte ein erhöhtes Risiko sehen, was allein schon durch den Diabetes gegeben ist. In der POPADAD-Studie kam als zweiter Risikofaktor noch eine asymptomatische periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) hinzu. Das Einschlusskriterium für die pAVK, ein Knöchel-Arm-Index (Ankle Brachial Index, ABI) von ≥0,99, war hier jedoch sehr weit gefasst. Normalerweise wird ein Wert von unter 0,90 für die Diagnose einer pAVK gefordert.

An der Studie beteiligten sich 1.276 Patienten mit Typ-I- oder Typ-II-Diabetes mellitus und asymptomatischer pAVK. Symptomatische Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren ein Ausschlusskriterium. Die Teilnehmer nahmen täglich zwei Tabletten ein. Eine enthielt entweder 100 mg ASS oder Placebo.

Die zweite Tablette enthielt entweder Placebo oder folgende Mischung von antioxidativen Vitaminen und Spurenelementen: 200 mg Vitamin E, 100 mg Vitamin C, 25 mg Vitamin B6, 10 mg Zink, 10 mg Vitamin B3, 9,4 mg Lezithin und 0,8 mg Selen. Diese Zusammensetzung hatte ein Vitaminexperte dem POPADAD-Team um Jill Belch von der Universität Dundee empfohlen. 

Genutzt hat den Patienten weder die eine noch die andere Pille. Nach median 6,7 Jahren war die Zahl der Patienten, die unter Vitaminen oder unter Placebo den primären Endpunkt erreichten (18,2 vs. 18,3 Prozent) gleich. Dieser primäre Endpunkt umfasste die häufigsten Folgen einer Atherosklerose: Tod an koronarer Herzkrankheit (KHK) oder Schlaganfall, nicht tödlicher Herzinfarkt oder Schlaganfall oder eine Amputation oberhalb des Knöchels. Fast das identische Ergebnis gab es im Vergleich von ASS versus Placebo. Der primäre Endpunkt wurde in 18,3 vs. 18,2 Prozent der Patienten erreicht. 

Auch in einem weiteren primären Endpunkt, nämlich der Zahl der Todesfälle an KHK oder Schlaganfall, war kein Vorteil erkennbar. Hier war die Zahl der Ereignisse unter ASS (und übrigens auch unter dem Multivitamin) sogar tendenziell erhöht.

Die Forscher haben auch eine Subgruppen-Analyse zu Patienten mit Knöchel-Arm-Index unter 0,90 durchgeführt. Hier wurde ein tendenzieller Vorteil an ASS gefunden, der jedoch das Signifikanzniveau verfehlte. 

Belch rät insgesamt von der Therapie mit ASS (und/oder Multivitaminen) ab. Er verweist auf die (auf Bevölkerungsebene) nicht unerheblichen Risiken von ASS (Number needed to harm von 248 in einer anderen Studie). Diabetologen mögen einwenden, dass die gastrointestinale Verträglichkeit in der POPADAD-Studie gut war. Doch beim Fehlen eines nachgewiesenen Nutzens dürfte es schwierig werden, die Empfehlung zur ASS-Gabe in den evidenzbasierten Leitlinien aufrechtzuerhalten, ohne dass hier der sicher nicht einfachen Aufgabe der Leitlinienautoren vorgegriffen werden soll.

Die British Heart Foundation rät in einer ersten Stellungnahme, dass ASS nur von Patienten eingenommen werden sollte, die bereits “Symptome der Erkrankung” haben, also beispielsweise eine manifeste KHK. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

26.09.17
Absetzen von „Kardio-ASS“ kann Schlaganfall auslösen
Uppsala – Das Absetzen von niedrig-dosierter Acetylsalicylsäure, die als „Kardio-ASS“ vielen Patienten nach einem Herzinfarkt oder zum Schutz vor einem Schlaganfall verordnet wird, war in einer......
24.08.17
B-Vitamine könnten Lungenkrebsrisiko erhöhen
Columbus - US-amerikanische Männer, die sich durch die Einnahme hoher Dosierungen der Vitamin B6 und B12 vor Krankheiten und hier insbesondere vor Krebs schützten wollten, erkrankten in einer......
21.08.17
Megadosis Vitamin C verhindert Leukämie im Mäusemodell
New York – Extrem hohe Dosierungen von Vitamin C, die nur bei einer intravenösen Gabe erreicht werden, können möglicherweise verhindern, dass Stammzellen im Knochenmark infolge einer häufigen Mutation......
07.07.17
Acetylsalicylsäure: Vor der Operation nur nach Rücksprache mit dem Arzt absetzen
Hamburg – Einige Patienten, die Acetylsalicylsäure (ASS) dauerhaft als Gerinnungshemmer einnehmen, sollten diese Therapie vor einer Operation absetzen. Europäische und US-amerikanische Leitlinien......
29.06.17
Gezielte Aspirin-Prävention senkt Präeklampsie-Risiko in Studie deutlich
London – Die Beschränkung der ASS-Behandlung auf Schwangere mit dem höchsten Risiko kann die Effektivität der Präeklampsie-Prophylaxe verbessern. In einer randomisierten Studie konnte die Zahl der......
14.03.17
B-Vitamine schwächen in Pilotstudie Auswirkungen von Feinstaub auf DNA-Methylierung
New York – Die Einnahme von hoch dosierten B-Vitaminen hat in einer experimentellen Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (2017; doi: 10.1073/pnas.1618545114) kurzfristig die......
08.03.17
Nahrungsergänzungs­mittel: Deutsche setzten vor allem auf Magnesium
Frankfurt am Main – Im Jahr 2016 stieg die Nachfrage nach Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) um 4,4 Prozent. Insgesamt erwarben Verbraucher somit 165 Millionen Packungen im Wert von 1,1 Milliarden Euro......
VG Wort

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige