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Medizin

Ende der Hoffnung: Vitamine schützen nicht vor Krebs

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Houston und Boston – Die Ergebnisse aus zwei randomisierten Studien mit mehr als 50.000 Teilnehmern erschüttern erneut den in der US-Kultur tief verwurzelten Glauben an die segensreichen Wirkungen antioxidativer Vitamine. Nach den Publikationen im amerikanischen Ärzteblatt haben weder Vitamine C oder E noch Selen eine krebspräventive Wirkung. Für Selen wurde sogar ein tendenzieller Anstieg der Diabetesrate gefunden.

Die Hoffnung, dass Vitamine vor Krebs schützen, gründete sich auf zwei Studien, die in den 1990er-Jahren beendet wurden. Beide hatten eigentlich ergeben, dass die eingesetzten Vitamine das Krebsrisiko erhöhen, wurden dann aber in Subgruppenanalysen ins Gegenteil umgedeutet.

Die erste Studie war der „Alpha-Tocopherol, Beta-Carotene Cancer Prevention (ATBC) Trial“, den das US-National Cancer Institute zusammen mit der finnischen Gesundheitsbehörde zwischen 1985 und 1993 an Rauchern durchgeführt hatte. Doch statt die Raucher vor Tumoren zu schützen, erhöhte Betacarotin das Lungenkrebsrisiko. Vitamin E hatte keine Wirkung (New England Journal of Medicine 1994; 330: 1029-1035). Eine Subgruppenanalyse ergab dann jedoch, dass Vitamin E das Risiko auf ein Prostatakarzinom um 32 Prozent senkte. (Dies konnte übrigens später auf einen Bias zurückgeführt werden: Teilnehmer im Selen-Arm waren bei einem auffälligen PSA-Test seltener zur Biopsie geschickt worden, BJU Int 2003; 91: 608-612).

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Die zweite Studie war der „Nutritional Prevention of Cancer Trial“. An dieser Studie hatten zwischen 1983 und 1991 insgesamt 1.312 Patienten mit Hautkrebs in der Vorgeschichte teilgenommen. Die Therapie mit 200 µg Selen sollte hier das erneute Auftreten von Hauttumoren verhindern. Am Ende war deren Rate, wenn auch nicht signifikant, um zehn Prozent (Basaliome) und 14 Prozent (Spinaliome) gestiegen. Aber glücklicherweise zeigte eine Subgruppenanalyse ein um 52 Prozent vermindertes Risiko auf Prostatakarzinome.

Die beiden Studien veranlassten das National Cancer Institute zum „Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial“ (SELECT). An 400 Orten in den USA, Puerto Rico und Kanada wurden rund 35.000 Männer im Alter ab 50 Jahren auf vier Studienarme randomisiert. Sie nahmen entweder 400 IU Vitamin E oder 200 µg Selen oder beide Präparate oder Placebo ein. Ursprünglich war eine Studiendauer von sieben Jahren geplant. Im Oktober wurde die Studie, wie berichtet, nach 5,46 Jahren vorzeitig abgebrochen. Das Ziel, die Rate der Prostatakarzinome zu senken, war nicht erreicht worden. Es deutete sich sogar ein leichter Anstieg der Krebsrate an. Auch die Zahl der Diabeteserkrankungen war tendenziell erhöht.

Jetzt sind die Ergebnisse im Einzelnen im Amerikanischen Ärzteblatt nachzulesen (JAMA 2009; 301: doi: 10.1001/jama.2008.862). Wie Scott Lippman vom M. D. Anderson Cancer Center in Houston und Mitarbeiter berichten, erhöhte Vitamin E das Prostatakrebsrisiko tendenziell um 13 Prozent (Hazard Ratio HR 1,13; 0,95-1,35). Für Selen wurde ein Anstieg um vier Prozent (HR 1,04; 0,87-1,24) gefunden. Die Kombination beider Substanzen erhöhte das Risiko auf einen Prostatakrebs um fünf Prozent (HR 1,05; 0,88-1,25). Für Selen wurde außerdem ein um sieben Prozent erhöhtes Risiko auf eine Diabeteserkrankung gefunden (relatives Risiko 1,07; 0,94-1,22). Vor diesem Hintergrund erklärt sich der vorzeitige Abbruch der Studie. Die tendenzielle Erhöhung eines Krebs- und Diabetesrisikos hätte bei anderen Substanzen möglicherweise dazu geführt, dass das National Cancer Institute von der Einnahme abrät. Die Empfehlung (auf der Homepage der Studie) jetzt lautet indes, dass man keinesfalls mehr als ein Multivitamin zur gleichen Zeit einnehmen sollte. Den Teilnehmern wurde zudem angeboten, Finasterid einzunehmen, das in einer früheren Studie von 2003 die Rate der Prostatakrebsfälle um 25 Prozent gesenkt hatte. Wegen der gleichzeitig beobachteten erhöhten Rate von High-Grade-Tumoren hat sich diese Empfehlung jedoch nicht allgemein durchgesetzt.

Die zweite jetzt publizierte Studie ist die Physicians' Health Study II. An ihr beteiligten sich 14.641 männliche US-Ärzte im Alter über 50 Jahren, von denen 1307 eine Krebsdiagnose in der Vorgeschichte hatten. Sie nahmen über einen Zeitraum von durchschnittlich acht Jahren entweder Vitamin E (400 IU alle zwei Tage) oder Vitamin C (500 mg täglich) ein. Beide Vitamine konnten sie weder vor einem Prostatakarzinom noch vor anderen Krebserkrankungen schützen, wie die jetzt publizierten Ergebnisse dokumentieren (JAMA 2009; 301: doi:10.1001/jama.2008.862). Für Vitamin E errechnen Michael Gaziano vom Brigham and Women's Hospital in Boston und Mitarbeiter eine Hazard Ratio von 0,97 (0,85-1,09), also einen Rückgang um drei Prozent. Für alle Krebsdiagnosen zusammen wurde ein Anstieg um vier Prozent gefunden (HR 1,04; 0,95-1,13). Auch Vitamin C schützte nicht vor Krebs: Hazard Ratio 1,01 (0,92-1,10) auf die Gesamtkrebsrate und 1,02 (0,90-1,15) für das Prostatakarzinom.

Es erscheint nahezu ausgeschlossen, dass beide Studien eine protektive Wirkung übersehen haben. Wer allerdings denkt, dass damit die Hypothese einer krebspräventiven Wirkung endgültig vom Tisch ist, sieht sich nach der Lektüre des Editorials eines Besseren belehrt (JAMA. 2009; 301: doi: 10.1001/jama.2008.863).

Peter Gann von der Universität von Illinois in Chicago spricht sich dafür aus, dass den beiden jetzt publizierten Studien der ersten Generationen Studien einer weiteren Generation folgen könnten. Dort würden die Vitamine dann – vielleicht nach Durchführung von Gentests – gezielt an jene Patienten verordnet werden, denen sie auch nutzen. Der Glaube an die Vitamine scheint auch unter Wissenschaftlern in den USA unerschütterlich zu sein. Dabei hatten frühere Studien auf eine erhöhte Rate von Herzinsuffizienzen nach Einnahme von Selen und Vitamin E hingewiesen (JAMA 2005; 293: 1338-1347). Eine im letzten Jahr publizierte Meta-Analyse fand sogar eine leicht (aber signifikant) erhöhte Mortalität (JAMA 2007; 297: 842-857), die zuvor schon für höhere Dosierungen des antioxidativen Vitamins beschrieben worden war (Annals of Internal Medicine 2005; 142: 37-46). © rme/aerzteblatt.de

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