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Medizin

Anästhesie: Lernstörungen nach Narkosen im Kleinkindalter

Mittwoch, 25. März 2009

Rochester – Kann eine Narkose die Hirnentwicklung von Kleinkindern schädigen? In einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie in Anesthesiology (2009; 110: 796-804) waren Zahl und Dauer von Vollnarkosen in den ersten drei Lebensjahren mit einer erhöhten Rate von späteren Lernstörungen assoziiert.

In tierexperimentellen Studien schädigen Narkosemittel die Hirnentwicklung ebenso wie Alkohol oder Sedativa. In einigen Experimenten waren negative Auswirkungen bereits nach einer kurzzeitigen Exposition nachweisbar, wie sie bei einer Narkose erfolgt. Ob diese Ergebnisse auf den Menschen übertragen werden können, ist nicht bekannt.

Eine Möglichkeit dieser Frage nachzugehen, bietet das Rochester Epidemiology Project, das Forschern Einblick in die Krankenakten sämtlicher Bewohner des Olmsted County in der Umgebung der Mayo Clinic ermöglicht. Auf diese Weise konnte der Epidemiologie Robert Wilder von der Mayo Clinic recherchieren, welche Kinder einer Kohorte der Jahrgänge 1976 bis 1982 sich in den ersten Lebensjahren einer (oder mehrerer) Operation unterziehen mussten, wie lange die Narkose dauerte und welche Anästhetika dabei verwendet wurden.

Damals wurden überwiegend Inhalationsnarkosen mit Halothan durchgeführt, das heute weitgehend durch andere Inhalationsanästhetika oder durch intravenöse Narkosen ersetzt wurde. So ist nicht sicher, ob die Ergebnisse auf die heutigen Verhältnisse übertragbar sind. Wilder hält dies aber für denkbar, da die neueren Inhalationsanästhetika in Tierversuchen ebenfalls negative Auswirkungen zeigen, was auch für das damals wie heute häufig verwendete Lachgas gelte.

Die Ergebnisse der Studie zeigen nun, dass Kinder, die in den ersten zwei Jahren eine Vollnarkose erhalten haben, ein um 59 Prozent erhöhtes Risiko auf spätere Lernstörungen haben (Hazard Ratio 1,56; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,06-2,37). Bei drei oder mehr Narkosen betrug die Hazard Ratio sogar 2,60 (1,60-4,24). So viele Eingriffe hatten aber die wenigsten Kinder erhalten. Bei den meisten war nur ein Eingriff durchgeführt worden, der das Risiko auf Lernstörungen in der Studie nicht erhöhte. 

Für eine kausale Assoziation spricht, dass die Gesamtdauer der Narkosen mit dem Risiko von Lernstörungen assoziiert war. Den letzten Beweis, dass die Narkosemittel die Lernstörungen verursacht haben, könne seine Studie nicht erbringen, räumt Wilder ein. Vorstellbar ist, dass die Erkrankungen, welche die Operationen notwendig gemacht haben, und nicht die Narkosen für die Lernstörungen verantwortlich sind. 
 

Wilder hatte seine Analyse zunächst auf die ersten drei Lebensjahre beschränkt, weil in dieser Zeit viele Verknüpfungen zwischen Hirnzellen geschaffen werden (“Synaptogenese”). Nach Ansicht anderer Forscher ist diese Entwicklung bereits in der perinatalen Lebensphase bis zum sechsten Lebensmonat abgeschlossen. Wilder hat die Analyse deshalb wiederholt und nur Operationen in den ersten beiden Lebensjahren berücksichtigt – mit den gleichen Ergebnissen. 

Nach Auskunft des Anästhesiologen und Mitautors Randall Flick ist sich die US-Zulassungsbehörde FDA der Problematik bewusst. Die Forscher planen jetzt, ihre Untersuchung auf den Zeitraum 1982 bis 1992 auszudehnen, in dem die Narkosemittel verwendet wurden, die auch heute noch im Einsatz sind.

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© rme/aerzteblatt.de

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