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Politik

Ärzte-TÜV umstritten

Sonntag, 14. Juni 2009

Berlin - Die von den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) geplante öffentliche Bewertung von Ärzten im Internet ist von anderen Kassen mit Interesse aufgenommen worden. Auch die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel (SPD), begrüßte den Vorstoß. Von der Ärzteschaft kommt hingegen Protest.

Der AOK-Bundesverband hatte am Freitag angekündigt, dass die 24 Millionen AOK-Versicherten ab 2010 die Möglichkeit erhalten sollen, Leistung und Service der niedergelassenen Ärzte im Internet zu benoten.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Jörg-Dietrich Hoppe, kritisierte das AOK-Projekt. „Es ist unseriös, anonyme Fragebogen als Grundlage für Rankings zu nutzen“, sagte Hoppe. Wenn die AOK tatsächlich mit einer eigenen Plattform diesen Weg beschreiten sollte, erweist sie den berechtigten Ansprüchen ihrer Mitglieder auf qualitätsgesicherte Information einen Bärendienst, betonte Hoppe. Im Gegensatz zu professionellen Qualitätssicherungsverfahren hat der im Internet anonym bewertete Arzt keine Möglichkeit, auf unberechtigte Kritik zu reagieren und Missverständnisse.

Der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Roland Stahl, sprach von einem „digitalen Ärztepranger“. „Der Vorstandschef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Jürgen Fedderwitz, gab zu bedenken, solche Bewertungsportale seien erfahrungsgemäß extrem missbrauchsanfällig. „Da muss die AOK aufpassen, dass sie kein populistisches System mit Hitparadencharakter aufbaut“, sagte Fedderwitz. Über gute Medizin könne man nicht abstimmen wie bei „Deutschland sucht den Superstar“.

Die Barmer Ersatzkasse steht diesem Instrument „durchaus offen gegenüber“, wie Barmer-Sprecherin Susanne Rüsberg-Uhrig sagte. Der Bedarf sei da, es könne aber nicht darum gehen, dass die Patienten pauschal Ärger oder Zufriedenheit äußerten. „Nur wenn Ärzte und Wissenschaftler einen Kriterienkatalog entwerfen, kann das ein sinnvolles Instrument sein“, sagte Rüsberg-Uhrig.

Die Sprecherin der Technikerkrankenkasse (TK), Dorothee Meusch, zeigte sich ebenfalls offen für den sogenannten Ärzte-TÜV im Internet. Die TK werde das AOK-Projekt „mit Interesse" verfolgen. „Die Patientenperspektive in die Qualitätssicherung einzubeziehen, halten wir für sinnvoll“, sagte Meusch. Sie verwies darauf, dass die Kasse die Patienten bereits für ihren Klinikführer befrage.

Auch der GKV-Spitzenverband, die Vertretung der gesetzlichen Krankenkassen, äußerte sich grundsätzlich positiv. „Wir begrüßen aber alles, was zu mehr Transparenz und besserer Versorgung führt“, sagte Verbandssprecher Florian Lanz.
 

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Die Patientenbeauftragte Kühn-Mengel findet die AOK-Idee ebenfalls gut. Patienten seien auf der Suche nach Ärzten und Spezialisten oft überfordert. „Ein Arzt-Navigator, wie von der AOK geplant, kann eine Orientierung bieten“, sagte die SPD-Politikerin. Wichtig sei aber, dass die Bewertung wissenschaftlich fundiert und seriös sei. Eine Diffamierung einzelner Ärzte dürfe es nicht geben.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Schaar sagte der ARD am Samstag, die AOK müsse verhindern, dass Patienten "böswillige oder möglicherweise manipulierte" Bewertungen eintragen. Es bestehe die Gefahr von Kampagnen, mit denen Ärzte "hoch oder 'runter bewertet" werden könnten. Er sehe anonyme Bewertungen sehr kritisch. Bereits zur Beurteilung von Krankenhäusern eingeführte objektive, qualitätssichernde Urteile wären seiner Ansicht nach besser als zusammengefasste ungesicherte Meinungsäußerungen.

AOK-Vorstandsmitglied Jürgen Graalmann sagte in der ARD, die Patienten seien "sehr wohl in der Lage", Servicequalität, Praxisorganisation, Wartezeiten und die Einbindung in ärztliche Entscheidungen zu beurteilen. "Das werden wir auf diesem Portal abfragen." Die AOK wolle die Behandlungsqualität verbessern. © ddp/afp/aerzteblatt.de

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Avatar #92972
mediko
am Freitag, 19. Juni 2009, 08:23

Irreführung

Unabhängig davon, was man von solchen "Bewertungssystemen" im Internet hält, auf der sich üblicherweise in erster Linie die Unzufriedenen breitmachen - die Verquickung mit dem Begriff "TÜV" in den Presse-Titeln ist völlig unerträglich !
Ein Meinungsforum von Patienten hat mit einem - nach strengen, konkreten technischen Regeln eine Mindestqualität sicherstellenden - "TÜV" / "Zertifikat" o.ä. nun wirklich rein gar nichts gemeinsam !
Eine Bitte also an die Kollegen der schreibenden Zunft: Bleiben Sie ein bißchen näher an den Tatsachen !
Avatar #87250
adonis
am Mittwoch, 17. Juni 2009, 08:57

Gibt es schon

in Schweden. Im Anfang war es ohne Registrierung. Da haben wohl so manche Spitzbuben sich gute Note gegeben. Also ein einfach zu manipulierendes System. Ich gehe machmal auf die Seite und in letzter Zeit nach Einführung der Registrierung habe ich keine grosse Veränderung dort bemerkt. Also ein untauglicher Versuch. Wie wäre es mit einem Portal, das die Krankenkassen bewertet? Bei so vielen ( meiner Meinung nach völlig unnötigen Kassen) wäre das doch mal ein guter Vorschlag.
Avatar #95095
c-fdw
am Dienstag, 16. Juni 2009, 15:31

Eine Beleidigung für den TÜV

Die Ausführung von Prüfungen des TÜV setzt eine entsprechende Ausbildung mit qualifiziertem Abschluss voraus. Deshalb ist die Bezeichnung "Ärzte-TÜV" absolut irreführend. Es handelt sich lediglich um ein weiteres Bewertungsportal wenn auch mit breiterer Basis im Vergleich zu den bisherigen Internetangeboten. Wobei ich gegen die Bewertung nichts habe, soweit ich nicht zu entsprechenden Stellungnahmen aufgefordert werde.
Nebenbei: Eine Kassenbewertung durch Patienten und Ärzte wäre sicher wettbewerbsfördernd (auf dem Kassenmarkt). Und für den Fall des weiter zunehmenden Ärztemangels kann man auch über eine Patientenbewertung nachdenken ("Patienten-SCHUFA")?!
Avatar #95066
nicedoc
am Montag, 15. Juni 2009, 16:56

Re: Warum sollte ein Instrument,...

Weil ich diesen ebenfalls nicht glaube, seitdem es diverse Agenturen gibt, die nichts anderes tun, als Bewertungen zu schreiben - im Auftrag des geneigten oder eben des abgeneigten Auftraggebers natürlich.
Avatar #94527
Rie-Rie
am Sonntag, 14. Juni 2009, 20:17

Auch Ärzte sollten Transparenz fordern!

Wenn die Kassen mehr Transparenz fordern, dann sollten sie dafür sorgen, dass sowohl Leistungserbringer, als auch Patienten diese bekommen. Dafür müssten die Kassen offenlegen was und wieviel sie bezahlen wollen. Es ist unfair und unehrlich die Ärzte mit Regressdrohungen zum Sparen zu zwingen und selbst den fordernden und aufmüpfigen Patienten ins Ohr zu säuseln, dass alles, was der Arzt für notwendig hält auch bezahlt wird. Der Arzt wieder wird im Unklaren gelassen, ab welcher Verordnungsmenge der Regress droht. So sparen die Ärzte aus Eigenschutz Euro um Euro für die Kasse. Es ist nicht Aufgabe der Ärzte für die Kassen zu wirtschaften und sie sind auch gar nicht dafür ausgebildet. Die Kasse verteilt das Geld. Sie weiß auch wie viel zu verteilen ist. Wir Ärzte sollten Therapievorschläge machen, die die Kassen ihren Patienten genehmigen oder nicht. Dann muss nicht ich als Arzt dem Patienten sagen, was die Kasse nicht zahlt. Ist diese Schieflage beendet, kann man mit dem gleichen Recht mit dem die Kasse eine Ärztebewertung im Internet verlangt eine solche für die Kassen fordern.
Zum Thema Wartezeiten : Machen wir doch Kasse und Patient klar, dass Wartezeiten vermieden werden können, wenn die Patienten bereit sind sich konsequent an Maximalzeiten im Sprechzimmer zu halten, wenn sie nicht mehr notfallmässig dazwischengeschoben werden wollen oder wenn die Kasse uns so großzügig bezahlt, dass wir uns reichlich Pufferzeiten leisten können.
Avatar #95033
dippegucker
am Sonntag, 14. Juni 2009, 15:14

Warum sollte ein Instrument,...

...welches seit Jahren im Hotel- und Gastättengewerbe mit Erfolg angewandt wird ( Mitarbeiterbewertung durch Gäste ) ausgerechnet für Ärzte untauglich sein ?
LNS

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