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Politik

Ausländische Patienten bescheren Kliniken Millionenerlöse

Montag, 27. Juli 2009

Leipzig – Zehntausende ausländische Patienten bescheren deutschen Kliniken jedes Jahr einen dreistelligen Millionenumsatz. Jens Juszczak, Experte von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg, sieht den Medizintourismus nach Deutschland dennoch als „Nischengeschäft“.

Im vergangenen Jahr wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in deutschen Kliniken rund 71.000 Patienten behandelt, die ihren Hauptwohnsitz im Ausland haben. Allerdings engagiert sich Juszczak zufolge nur etwa jedes zehnte der mehr als 2.000 Krankenhäuser aktiv für Auslandspatienten. Vor allem große Unikliniken oder Krankenhäuser, die Fachexperten von internationalem Ruf haben und auf bestimmte Behandlungen wie Knie-OPs spezialisiert sind, profitieren von den Medizintouristen.

Für die ausländischen Patienten sind vor allem das medizinische Know-how und der gute Ruf des deutschen Gesundheitssystems ausschlaggebend, „auch wenn hierzulande viel darüber geklagt wird“, wie Juszczak betont. Entscheidend sind aber auch die vergleichsweise günstigen Preise. Die Kliniken dürfen für ausländische Patienten keine höheren Kosten ansetzen als für deutsche. Mehraufwendungen werden durch Zusatzvereinbarungen abgedeckt.

„Eingriffe in Großbritannien sind 20 bis 25 Prozent teurer als in Deutschland“, bestätigt Leonore Boscher vom International Office der Uniklinik Hamburg-Eppendorf (UKE). In Singapur müssen Patienten rund die Hälfte mehr berappen, und auch in den USA kosten die Behandlungen deutlich mehr.

Rund 500 ausländische Patienten werden jährlich in Hamburg stationär behandelt, noch einmal soviel ambulant. Im vergangenen Jahr erzielte das UKE damit Erlöse von rund sechs Millionen Euro. „Jedes Jahr steigen die Erlöse um gut acht Prozent“, sagt Boscher. Das Geld fließt ins Marketing und in zusätzliche Anschaffungen für die Klinikbereiche.

Viele Krankenhäuser betreiben einen beträchtlichen Aufwand für ihre ausländischen Patienten und deren Begleiter. Der Service reicht von mehrsprachigen Internetportalen über die Organisation von Unterkünften, Dolmetschern und Kulturprogrammen bis hin zu Gebetsräumen in den Kliniken.

In speziellen Sprachkursen können sich Ärzte und Pfleger einen Grundwortschatz etwa in Arabisch zulegen, um bei ihren Patienten das erste Eis zu brechen. Klinikvertreter reisen sogar auf arabische Tourismusmessen, um sich potenziellen Patienten zu präsentieren. In Städten wie Berlin oder Bonn haben sich Kliniken zu Netzwerken zusammengeschlossen, um ihre Kompetenzen gemeinsam zu vermarkten.

Zwar wächst die Zahl von Patienten aus Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder auch China. Doch die meisten kommen aus den Nachbarländern: Angeführt wird die Statistik von Holländern, Franzosen und Belgiern. Davon profitieren vielfach grenznahe Kliniken, etwa im Saarland, das 2006 mit 1,2 Prozent den höchsten Anteil ausländischer Patienten hatte – viermal höher als der Bundesdurchschnitt. Auch Bayern profitiert vom „kleinen Grenzverkehr“.

Bundesweit stieg laut einer Studie der Bremer Senatorin für Gesundheit und Soziales die Zahl ausländischer Patienten zwischen 2001 und 2006 um fast 25 Prozent. Gemessen daran seien die Umsätze „sehr ernüchternd“, meint Gesundheitstourismus-Experte Juszczak.

Bei 85 Prozent der von der Bonner Fachhochschule für eine Studie befragten Kliniken machten Auslandspatienten weniger als ein Prozent des Umsatzes aus. Die Kliniken haben dennoch einen großen Vorteil: Sie müssen die Einnahmen nicht wie üblich mit den Krankenkassen abrechnen, sondern können außerhalb des Budgets frei darüber verfügen. © afp/aerzteblatt.de

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