NewsMedizinAspirin hat Spanische Grippe verschlimmert
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Aspirin hat Spanische Grippe verschlimmert

Montag, 5. Oktober 2009

San Francisco – Die Unkenntnis über die Risiken einer hochdosierten Aspirintherapie könnte ein Grund für die ungewöhnliche hohe Letalität der Spanischen Grippe gewesen sein, vermutet eine US-Infektiologin in Clinical Infectious Diseases (Online).

Das 1899 eingeführte Aspirin gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den beliebtesten Medikamenten. Es wurde auch bei der Grippe eingesetzt und Bedenken hinsichtlich einer Toxizität bei hohen Dosierungen gab es in den Jahren 1918/19, als die Spanische Grippe weltweit die Krankenhäuser füllte, nicht.

Die Infektiologin Karen Starko aus Burlingame, einem Stadtteil San Franciscos, ist bei ihren Recherchen auf den Krankenbericht eines Grippeopfers gestoßen, der gestorben war, nachdem er wiederholt mit einer „halben Handvoll“ Aspirin behandelt worden war. Die genaue Dosis wird in dem Bericht nicht angegeben. Sie dürfte aber weit oberhalb des therapeutischen Bereichs gelegen haben, vermutet Starko. 

In diesem Fall könnte die Therapie dem Grippekranken mehr geschadet als genutzt haben. Jedenfalls war den Ärzten damals nicht bewusst, dass Aspirin in toxischen Dosierungen bei jedem dritten Patienten eine Hyperventilation auslöst.

Bei 3 Prozent kommt es zu einem Lungenödem. Die Autorin verweist auf eine aktuelle Autopsiestudie, die bei fast jedem zweiten Opfer einer Aspirin-Überdosierung ein Lungenödem nachwies.

Zwar starben die meisten Patienten bei der Spanischen Grippe an den Folgen einer bakteriellen Pneumonie, einer gefürchteten Spätkomplikation infolge einer Superinfektion. Es habe jedoch auch Berichte von frühen Todesfällen gegeben. Die Pathologen hätten dann bei der Autopsie ungewöhnlich „feuchte“ und manchmal hämorrhagische Veränderungen in den Lungen beschrieben.

Dies könnte durchaus die Folge einer Überdosierung von Aspirin gewesen sein, vermutet die Infektiologin. Für eine häufige Überdosierung spreche nicht nur die hohe Popularität des von der Industrie stark beworbenen Mittels.

In den USA sei es vom “Surgeon General”, Armeeärzten und in einem Artikel im US-amerikanischen Ärzteblatt JAMA offiziell als Mittel gegen die Spanische Grippe empfohlen worden.

Sollten die Ärzte es entsprechend der damaligen „Leitlinie“ eingesetzt haben und sollten 3 Prozent der Patienten an einem Lungenödem erkrankt sein, dann könnte Aspirin einen signifikanten Anteil an den hohen Opferzahlen gehabt haben, vermutet die Autorin. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

bertgartner
am Dienstag, 6. Oktober 2009, 09:30

So ist es

Zur Sterblichkeit bei pandemischen und nicht-pandemischen Influenza-Ausbrüchen erschien im Mai 2008 im Journal of Public Health (98:939–945) ein Artikel von Peter Doshi, der zeigt, dass im Lauf des 20. Jahrhunderts die Sterblichkeit fast linear fiel - von 10,2 Todesfällen pro 100.000 Ew in den 40er Jahren auf 0,56 Todesfälle in den 90ern.

In der zweiten Hälfte des 20. Jhdts führten Jahre mit Influenza Pandemien (z.B. 1957, 1968) zu keinerlei Anstieg in den allgemeinen Sterbekurven. Als Auslöser vermutet Doshi bessere medizinische Versorgung (z.B. durch Antibiotika) und steigende Sozialstandards. Impfkampagnen hatten hingegen, wie eine ganze Reihe von Untersuchungen zeigen, keine Auswirkungen.
Interessant, was Doshi zu kommenden Influenza-Pandemien als Schlussatz seiner Arbeit anmerkt: "…should the trends observed over the 20th century continue to hold in the 21st, the next influenza pandemic may be far from a catastrophic event."
adonis
am Dienstag, 6. Oktober 2009, 08:28

Könnte es vielleicht sein,

dass die spanische Grippe deshalb so schlimm war, weil es noch keine Antibiotika zur Bekämpfung der bakteriellen Komplikationen gab?
Eine vielleicht ketzerisch klingende Frage, aber in allen Diskussionen finde ich gerade das nicht wieder. Ich weiss natürlich, dass man auch am Virusinfekt selbst sterben kann. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das wirklich der Faktor war, der zum Tod von so vielen Menschen geführt hat.
NEWSLETTER