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Medizin

Antidepressiva erhöhen perinatale Morbidität

Dienstag, 6. Oktober 2009

Aarhus – Die medikamentöse Therapie der Depression während der Schwangerschaft geht mit einer erhöhten Rate von Frühgeburten einher. Auch niedrigere Apgarwerte und häufigere Behandlungen auf Intensivstationen waren in einer prospektiven Beobachtungsstudie in den Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine (2009; 163: 949-954) mit dem Einsatz von Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) assoziiert. Zwei US-Fachverbände haben Ärzte jüngst zu einem zurückhaltenden Einsatz der Medikamente ermahnt, an deren Einsatz bei schweren Depressionen jedoch nicht gezweifelt wird.

Wenn eine von den New York Times kolportierte Zahl zutrifft, dann hatte 2003 jede achte Schwangere wenigstens einmal Antidepressiva verordnet bekommen. Das entspricht zwar der Prävalenz einer Depression in der Schwangerschaft, welche die American Psychiatric Association und das American College of Obstetricians and Gynecologists mit 14 bis 23 Prozent angeben. Doch dass dies in jedem Fall den Einsatz von Medikamenten rechtfertigt, scheint den Fachverbänden zweifelhaft zu sein. Denn dem Nutzen der Therapie müssen die negativen Folgen für das Kind gegenübergestellt werden.
 

Bereits 2005 warnte die amerikanische Zulassungsbehörde FDA vor einem erhöhten Risiko von kardialen Fehlbildungen bei Neugeborenen, deren Mütter während der Schwangerschaft mit dem SSRI Paroxetin behandelt wurden. Anlass waren damals zwei retrospektive Studien aus Schweden und den USA, in denen das Fehlbildungsrisiko bis zum Faktor 2 erhöht war.

Kürzlich unterstrich eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2009; 339: b3569) dieses Risiko. Lars Henning Pedersen von der Universität Aarhus in Dänemark hatte für zwei andere SSRI (Fluoxetin und Citalopram, nicht aber für Paroxetin) ein erhöhtes Risiko auf Herzseptumdefekte gefunden. Das Risiko stieg deutlich an, wenn die Schwangeren mehr als ein SSRI erhalten hatten.

Jetzt berichtet Pedersen über ein erhöhtes Risiko von perinatalen Komplikationen. Die Studie basiert auf einer Analyse der Aarhus Birth Cohort: Schwangere waren im zweiten Trimenon zu ihrem Gesundheitszustand befragt worden. Sie hatten in den Fragebögen auch angegeben, ob sie mit SSRI behandelt worden waren. Anders als in den USA war der Einsatz dieser Medikamente in Dänemark nicht weit verbreitet: Nur 329 der rund 64.000 Frauen gaben eine Einnahme an.

Weitere 4.902 Schwangere gaben eine Erkrankung an, die aber nicht mit SSRI behandelt wurde. Dies zeigt, dass außerhalb der USA die Notwendigkeit einer medikamentösen Behandlung der Depression während der Schwangerschaft offenbar gering eingeschätzt wird.

Das Risiko einer Frühgeburt war doppelt so hoch wie in den anderen Gruppen (Odds Ratio OR 2,0; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,3-3,2). Die den SSRI exponierten Kinder mussten mehr als zweifach häufiger auf Intensivstationen behandelt werden (OR 2,4; 1,7-3,4), und sie hatten mehr als vierfach häufiger einen Apgar-Wert nach 5 Minuten von weniger als 8 (OR 4,4; 2,6-7,6). Kopfumfang oder Geburtsgewicht waren jedoch nicht vermindert.

Pedersen vermutet, dass die Kinder nach der Geburt unter einem SSRI-Entzug litten, der auch schon von anderen Autoren beschrieben wurde. Er räumt allerdings ein, dass in schweren Fällen eine Behandlung der Depression mit SSRI das geringere Übel sein könnte, wie dies auch die FDA 2005 festgestellt hatte.

Auch die beiden US-Fachgesellschaften, die jetzt in Obstetrics & Gynecology (2009; 114: 703-713) und General Hospital Psychiatry (2009; 31: 403-413) ein gemeinsames Positionspapier zur Behandlung von Depressionen in der Schwangerschaft publiziert haben, raten in schweren Fällen zu einer medikamentösen Therapie. In leichten Fällen sollte die Indikation jedoch überdacht werden und wenn möglich eine Psychotherapie vorgezogen werden.

Der nächste Schritt müsste eigentlich darin bestehen, das Risiko in einer randomisierten klinischen Studie zu untersuchen. Beobachtungsstudien und erst recht retrospektive Studien sind anfällig für Verzerrungen, so dass weiterhin nicht sicher ist, ob die SSRI tatsächlich die Feten gefährden. Gleichzeitig könnte der Nutzen der Therapie geprüft werden.

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© rme/aerzteblatt.de

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