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Medizin

„Super-Adipositas“ erhöht Sterberisiko nach bariatrischer Operation

Dienstag, 20. Oktober 2009

Seattle – Für viele Menschen mit extremer Fettsucht erscheint eine bariatrische Operation ein letzter Rettungsversuch zu sein, vor allem, wenn sie bereits unter Folgekrankheiten leiden. Ein extrem hoher Body-Mass-Index (BMI) und eine Komorbidität waren in einer Studie in den Archives of Surgery (2009; 144: 914-920) jedoch mit einer deutlich erhöhten Sterblichkeit der Patienten assoziiert.

Einen BMI von 30, der den Beginn einer Adipositas kennzeichnet, haben viele US-Amerikaner schon lange hinter sich gelassen. Etwa zehn Millionen Einwohner des Landes haben einen BMI von über 40, ab dem Mediziner von einer morbiden Fettsucht, oder einer Adipositas per magna sprechen. Nicht wenige US-Amerikaner haben die BMI-50-Grenze überschritten. Dann kann die Operation jedoch zu einem erheblichen Risiko werden, wie David Arterburn vom Group Health Research Institute in Seattle in einer Auswertung der Daten der US-Veteranenbehörde zeigt.

Zwischen 2000 und 2006 ließen sich an 12 Zentren 856 Patienten mit einer Adipositas per magna (BMI 40 oder höher) operieren, Insgesamt 54 von ihnen (6,3 Prozent) sind seither gestorben: 1,3 Prozent starben innerhalb der ersten 30 Tage nach der Operation, 2,1 Prozent in den ersten 90 Tagen, und nach einem Jahr betrug die Sterberate 3,4 Prozent.

Noch ungünstiger war die Prognose bei den „Superadipösen“ mit einem BMI von über 50. Das war immerhin ein Drittel der Patienten. Von ihnen waren nach 30 Tagen 2,0 Prozent, nach 90 Tagen 3,6 Prozent und nach einem Jahr 5,2 Prozent verstorben. Arterburn ermittelt ein mit der Superadipositas assoziiertes um 80 Prozent erhöhtes Sterberisiko.

Noch schlechter war die Prognose der Patienten, denen ein „diagnostic cost group“ oder DCG-Score von über 2 bescheinigt, dass sie der Versicherung infolge ihrer Multimorbidität überdurchschnittlich hohe Kosten verursacht. In dieser Gruppe (sie umfasst 8 Prozent aller Patienten) starb jeder zehnte innerhalb des ersten Jahres nach der Operation.

Arterburn errechnet eine Hazard Ratio von 3,4 gegenüber anderen weniger multimorbiden Patienten. Wiederum ist dies kein Beweis dafür, dass die batriatrische Operation für das ungünstige Ergebnis verantwortlich ist. Es ist möglich, dass die Patienten auch ohne Operation gestorben wären.

Arterburn kann allerdings belegen, dass es bei den später Verstorbenen (zum Teil deutlich) häufiger zu postoperativen Komplikationen kam. Sie erlitten öfter einen Herzstillstand (5,6 vs. 0,5 Prozent), sie mussten häufiger länger als 48 Stunden beatmet werden (11,1 vs. 1,6 Prozent), erlitten häufiger ein akutes Nierenversagen (5,6 vs. 0,5 Prozent) und es kam häufiger zu einer Wunddehiszenz (7,4 vs. 1,3 Prozent).
 

Das sind nur die wichtigsten Komplikationen, die einen fast doppelt so langen Klinikaufenthalten (11 vs. 6,5 Tage) bei den Patienten zur Folge hatten, die im Folgejahr starben. Bei signifikanter Komorbidität, beispielsweise einer Herzinsuffizienz, einem komplizierten Diabetes oder einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung sollten deshalb die Vor- und Nachteile des Eingriffs sehr sorgfältig abgewogen werden, rät der Gesundheitsforscher Arterburn den Chirurgen und ihren superadipösen Patienten.

Der Einschätzung stimmt auch der Chirurg Clifford Deveney von der Oregon Health and Sciences University in Portland zu (Archives of Surgery 2009; 144: 920). Der Kommentator verweist allerdings auf Studien, die (in weniger extremen Fällen) einen Überlebensvorteil ab dem 6. Monat nach der Operation belegen, der über 5 bis 10 Jahre dokumentiert sei.

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© rme/aerzteblatt.de

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