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Gehirndoping: Psychotherapeuten warnen

Mittwoch, 11. November 2009

Berlin – Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) hat vor einer Freigabe von Mitteln zur angeblichen geistigen Leistungssteigerung für Gesunde gewarnt. Die „psychotropen Subtanzen“ könnten schnell zur Abhängigkeit führen und erhebliche Nebenwirkungen haben, sagte BPtK-Präsident Rainer Richter am Mittwoch in Berlin. Zugleich warnte er vor einem Machbarkeitswahn und der Illusion, „dass ein Leben dank dieser Pillen besser gelingt“. An ihrer Rezeptpflicht dürfe nicht gerüttelt werden.

Die deutschen Psychotherapeuten sind nach Richters Worten beunruhigt über die Debatte, psychotrope Substanzen aufgrund ihrer aufputschenden oder stress- und angstlösenden Wirkung für Gesunde freizugeben. Derartige Substanzen förderten Persönlichkeiten, die ihre eigenen Grenzen nicht mehr erkennen und die versuchten, Probleme durch Medikamente zu lösen, die zu jeder Persönlichkeitsreifung gehörten.

Bei solchen Menschen schwinde zugleich das Selbstvertrauen, Herausforderungen aus eigener Kraft und ohne Pillen bewältigen zu können. Ein Verlust an Schlafbedürfnis führe zudem oft zur Einnahme von Schlafmitteln, was sich dann gegenseitig hochschaukle. 

Laut DAK-Gesundheitsreport von 2009 haben von 3.000 repräsentativ befragten Arbeitnehmern fünf Prozent bereits einmal chemische Mittel zur Steigerung ihrer psychischen Leistungsfähigkeit eingenommen.

Die BPtK sieht ferner die Gefahr, dass sich bei einer Freigabe soziale Normen verändern könnten. Die gesteigerte Leistungsfähigkeit Einzelner setze alle unter Druck, sich ebenfalls zu dopen. Das gelte nicht zuletzt angesichts steigender Arbeitslosigkeit und immer höherer Anforderungen in der Arbeitswelt. 

Zu den umstrittenen Mitteln gehören laut Richter Amphetamine und ihre Derivate wie etwa Methylphenidat oder Modafinil sowie Antidepressiva, Antidementiva und Betablocker. Die leistungssteigernde Wirkung psychotroper Substanzen bei Gesunden sei wissenschaftlich nicht belegt.

Und selbst wenn die Mittel die Konzentrations- und Merkfähigkeit verbesserten, heiße dies nicht, dass sie die Erkenntnisfähigkeit oder Intelligenz steigerten. Zudem bürge eine schnellere Entscheidungsfähigkeit nicht für analytische Tiefe und größere Verantwortung. 

Richter beklagte auch einen zu laxen Umgang mit diesen Stoffen in der Behandlung von Jugendlichen mit Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). Sozialer Druck führe dort schon jetzt dazu, dass das Arzneimittel Methylphenidat trotz klarer rechtlicher Bestimmungen zu schnell verordnet werde.

Eine Diagnose dürfe sich nicht allein auf das Vorhandensein eines oder mehrerer Symptome stützten. Diese Symptome könnten auch psychosoziale Ursachen haben. Zudem müssten sich andere Behandlungen zuvor als erfolglos herausgestellt haben.

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© kna/aerzteblatt.de

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