Ärzteschaft

Palliativmediziner: Aktive Sterbehilfe und Palliativmedizin nicht vermischen

Montag, 23. November 2009

Aachen – Vor einer Vermischung von aktiver Sterbehilfe und Palliativmedizin hat der Präsident der Europäischen Vereinigung für Palliativmedizin (EAPC), Lukas Radbruch, gewarnt. Er verwies am Wochenende beim „Aachener Hospizgespräch“ auf Forderungen einer Gruppe belgischer Ärzte, die aktive Sterbehilfe in die Palliativversorgung sterbenskranker Menschen integrieren wollen. Damit drohe diesem Zweig der Medizin ein großer Glaubwürdigkeitsverlust.

Nach Darstellung Radbruchs, der Direktor der Klinik für Palliativmedizin an der Uniklinik Aachen ist, gibt es in allen europäischen Ländern große Defizite bei der palliativmedizinischen Versorgung von Demenzpatienten. Bei den Hilfen für sterbenskranke Tumorpatienten bestehe eine große Kluft zwischen west- und osteuropäischen Ländern: Gerade in den baltischen Ländern gebe es kaum Hilfen für Sterbende. Andererseits seien Polen, Ungarn und Rumänien „Leuchttürme“ bei der Versorgung der Schwerstkranken.

Umgekehrt seien selbst grundlegende Voraussetzungen wie der Zugang zu Opium-Präparaten zur Schmerzbekämpfung in westlichen Ländern wie Portugal oder Griechenland nicht immer gewährleistet. Außerdem gibt es nach Darstellung des EAPC-Präsidenten auch in anderen westeuropäischen Ländern Versorgungslücken in den ländlichen Gebieten. Spitzenreiter bei der Palliativmedizin sind nach Darstellung Radbruchs Großbritannien und Irland.

Unterdessen plädierte der Münchener Palliativmediziner Gian Domenico Borasio für eine „Wiederentdeckung des natürlichen Todes in der Medizin“. Vieles, was Ärzte heute an Sterbenden täten, störe den natürlichen Prozess des Sterbens, sagte der Medizinprofessor der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

So hätten die meisten Ärzte und Pfleger Angst, dass ihre Patienten verdursteten oder verhungerten. In Wirklichkeit brächten aber künstliche Beatmung, künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr in vielen Fällen keinen Nutzen mehr für den Sterbenden, sondern nur noch mehr Nebenwirkungen.

Anzeige

Laut Borasio sind Geburt und Tod vergleichbare Ereignisse, für die die Natur bestimmte Programme vorgesehen habe. „Diese natürlichen Prozesse laufen dann am besten ab, wenn sie von Ärzten möglichst wenig gestört werden.“ In vielen Fällen müssten Ärzte und Pfleger sich wie „Hebammen für das Sterben“ verhalten.

Palliativmedizin meint die Versorgung sterbenskranker Menschen durch medizinische, psychologische und geistliche Betreuung. Die Behandlung ist dabei nicht mehr auf Heilung, sondern auf möglichst hohe Lebensqualität und Schmerzbekämpfung in der letzten Lebensphase ausgerichtet. © kna/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Nachrichten zum Thema

21.02.17
Verträge zur SAPV müssen europaweit ausgeschrieben werden
Berlin/Düsseldorf – Vor weiteren bürokratischen Hürden bei der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) warnt die Bundesarbeitsgemeinschaft SAPV. Sie weist auf ein Urteil des......
21.02.17
Landshut – Der bayerische Hausärzteverband tritt als erste ärztliche Berufsvertretung dem bayerischen Hospiz- und Palliativbündnis bei. Patienten gerade in der letzten Phase ihres Lebens ärztlich zu......
17.02.17
Versorgung Sterbenskranker durch Gesetz nicht behindert
Berlin – Viele Ärzte sind verunsichert, inwieweit sie sich bei der Begleitung und Behandlung von schwerkranken Patienten, die nicht länger leben wollten, strafbar machen. Das berichtet die Deutsche......
16.02.17
Berlin – Bundestagspräsident Norbert Lammert hat allen in der Hospiz- und Palliativarbeit engagierten Menschen gedankt und die Verbundenheit des gesamten Bundestages mit dem Anliegen betont. „Sie......
14.02.17
Osnabrück/Berlin – Deutschland hat nach Einschätzung des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands (DHPV) bei der Versorgung sterbenskranker Menschen stark aufgeholt. „Wir dürfen zu Recht stolz darauf......
23.01.17
Berlin – Unheilbar erkrankte Patienten sollen künftig ambulant noch besser betreut werden. Das haben Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband in einer neuen Vereinbarung zur......
12.01.17
Mainz – In Rheinland-Pfalz und Sachsen ist in diesen Tagen ein neues Projekt gestartet, das Schwerkranken innige Wünsche erfüllen will. In Hessen soll der sogenannte „Wünschewagen“ in den nächsten......

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige