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Medizin

„Migräne-Neurone“ erklären Photophobie

Montag, 11. Januar 2010

Boston – US-Forscher haben eine mögliche Erklärung für die Lichtscheu vieler Migränepatienten gefunden. Ihren tierexperimentellen Studien in Nature Neuroscience (2010; doi: 10.1038/nn.2475) zufolge werden Lichtreize der Retina zum Thalamus geleitet, wo sie aus den Meningen eintreffende Schmerzreize verstärken.

Ausgangspunkt für die Experimente von Rami Burstein von der Harvard Medical School in Boston war die Beobachtung, dass auch Migränepatienten mit Retinitis pigmentosa eine Photophobie entwickeln, obwohl bei dieser Augenerkrankung, die zur Erblindung führt, die Photorezeptoren für die bildliche Wahrnehmung (Stäbchen und Zapfen) zerstört sind.
 

Erhalten bleibt bei der Retinitis pigmentosa eine dritte Art von erst kürzlich entdeckten Sinneszellen. Sie fangen Lichtreize mit dem Photopigment Melanopsin auf und leiten sie an das Gehirn weiter. Diese Neurone sind dafür verantwortlich, dass der Tag-Nacht-Rhythmus bei Patienten mit Retinitis pigmentosa erhalten bleibt - im Gegensatz zu den Menschen, die nach dem kompletten Ausfall des Sehnerven vollständig erblinden. Bei diesen Menschen ist die Migräne nie von einer Photophobie begleitet.

Burstein vermutet deshalb in den Melanopsin-Neuronen die Auslöser der Photophobie. Mithilfe von Farbstoffen erkundete sein Team bei Versuchstieren den Verlauf der Neurone. Sie entdeckten, dass die Neurone über den Nervus opticus mit dem Thalamus verbunden sind.

Im posterioren Thalamus fanden die Forscher aber auch Neurone, die auf Schmerzreize in den Meningen hin – dort wird der Ursprung des Migräneschmerzes vermutet – reagieren. Die Aktivität dieser Migräne-Neurone konnte durch die visuelle Reizung gesteigert werden.

Eine Besonderheit bestand darin, dass die Aktivität sofort einsetzte, nach dem Ende des Lichtreizes aber noch einige Zeit anhielt. Dies deckt sich mit den Berichten vieler Migränepatienten, bei denen sich die Schmerzen erst nach 20 bis 30 Minuten in völliger Dunkelheit bessern.

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Sollten die US-Forscher tatsächlich die für die Photophobie verantwortlichen Neurone entdeckt haben, könnte deren gezielte Blockade – mit noch zu entwickelnden Substanzen – ein neuer Ansatzpunkt in der Migränetherapie sein – allerdings mit möglichen negativen Auswirkungen auf den Tag-Nacht-Rhythmus.

Interessant ist noch ein weiterer Befund, den die Forscher an den Migränepatienten mit Retinitis pigmentosa machten. Die Migränekopfschmerzen ließen sich vor allem durch Licht in blauem Wellenbereich sowie durch „graues“ Licht induzieren. Ob den Migränepatienten durch spezielle Brillen, die genau diese Wellenlängen filtern, die Flucht in vollkommen abgedunkelte Räume erspart bleiben könnte, wurde bisher nicht untersucht. © rme/aerzteblatt.de

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