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Politik

Rösler will bei Arzneimitteln offenbar zwei Milliarden Euro sparen

Sonntag, 7. März 2010

München/Berlin – Durch einen radikalen Umbau des Arzneimittelmarktes will das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) künftig mindestens zwei Milliarden Euro pro Jahr einsparen. Das berichtet der „Focus“ in seiner jüngsten Ausgabe.

Eine Sprecherin des Gesundheits­minis­teriums sagte am Montag in Berlin, das Konzept von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler (FDP) sei in den nächsten Tagen fertig und werden dann der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zuvor wolle der Minister noch mit den zuständigen Kollegen in den Koalitionsfraktionen sprechen. Es werde sich um einen Mix aus kurz- und langfristigen Maßnahmen handeln. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) begrüßte die Initiative des BMG.

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Laut „Focus“ sollen wie in anderen Ländern üblich die Hersteller künftig mit den Krankenkassen über niedrigere Arzneimittelpreise verhandeln. Parallel mit der Zulassung eines Präparats sollen die Pharmakonzerne eine von ihnen selbst finanzierte wissenschaftliche Studie vorlegen, aus der hervorgeht, für welche Patienten und Erkrankungen ein zusätzlicher medizinischer Nutzen besteht und inwieweit dadurch höhere Preise gerechtfertigt sind. Der Spitzenverband der Krankenkassen solle Rahmenverträge erarbeiten, und die Versicherungen handelten dann die Details mit den Firmen aus.

Bei einer Einigung bleibe den Pharmaunternehmen eine Kosten-Nutzen-Bewertung durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen erspart, dessen Bewertung dazu führen kann, dass ein Präparat nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird. Im Extremfall droht der Industrie ein festgesetzter Höchstpreis. Die Regelungen sollten auch für bereits im Markt befindliche Präparate gelten, schreibt das Magazin.

Ein Ministeriumssprecher versicherte, Rösler wolle und werde „die Maßnahmen ergreifen, die im Sinne der Versicherten und Patienten erforderlich sind“. Diesen Weg werde er im Pharmabereich auch gegen Widerstände gehen.

„Die angekündigten zwei Milliarden Euro Einsparungen sind ein wichtiger Schritt und es ist gut, dass das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium an die oft überhöhten Preise der Pharmaindustrie ran will“, sagte GKV-Sprecher Florian Lanz. Für den Verband sei es wichtig, dass auch bei neuen und innovativen Arzneimitteln die Kosten „in einem angemessenen Verhältnis zu dem Nutzen“ stünden und ein „Preisdiktat der Hersteller“ beendet werde.

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn (CDU) zeigte sich verärgert, dass die Unionsfraktion bisher nicht in die Pläne des Ministeriums eingeweiht worden sei. „Mich ärgert, dass die Unionsfraktion aus der Zeitung von wichtigen Papieren des Ministeriums erfährt”, sagte er der „Rheinischen Post” vom Dienstag. „Das gab es selbst zu Zeiten der großen Koalition nicht.”

Linken-Gesundheitsexpertin Kathrin Vogler kritisierte das Konzept von Rösler scharf: „Dreist verkauft Rösler seinen Kuschelkurs mit der Pharmaindustrie als radikalen Umbau und Kampfansage an die Konzerne.”

Die Konzerne wollten mit den Kassen verhandeln; nur „im Extremfall” sollten Höchstpreise festgesetzt werden. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie hatte eingeräumt, dass „Elemente” seiner Vorstellungen in Röslers Konzept enthalten seien. Insgesamt aber sei das Konzept eine Folge von „hektischen Reaktionen unter dem Druck der Antipharmalobby statt nachhaltiger Reformen des Gesundheitssystems”. © ddp/aerzteblatt.de

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Avatar #87250
adonis
am Dienstag, 9. März 2010, 08:34

@elcee

Sie haben eine sehr einfache Vorstellung von der Welt. Den Arzt aufsuchen kosten weder der Krankenkasse noch dem Patienten etwas. Durch die Budgetierung kostet es dem Arzt seine nicht vergütete Zeit.
Aber sind wir mal ehrlich. Wir haben auch den Patienten eine übertriebene Vorstellung anerzogen. Der Patient fordert sein Kernspinn, weil er meint darin kann man alles sehen. Und schreiben Sie keine ûberweisung, dann geht er halt in die Praxis gegenûber. Das Prostitutionsverhalten von deutschen Ärzten ist sehr ausgeprägt, wobei die Schlimmsten diejenigen sind, die die bestlaufenden Praxen haben und sich ehr mal ein Nein leisten können. Manchmal bin ich mir aber nicht ganz so sicher, ob ich Prostitutierten nicht unrecht tue, da eine Prostituierte ihren Preis hat, Ärzte aber nicht.
Avatar #98214
elcee
am Montag, 8. März 2010, 16:23

Augenwischerei

Ja, ja! Mal "rrrichtig" die böse Pharmaindustrie anpacken und sie ordentlich zwingen zu belegen, was sie da wieder für ein Zeuchs in den Laboren geköchelt hat!

"Kuschelkurs" ist das ja wohl kaum. Und wenn man mehr Innos will, dann sicherlich nicht dadurch, dass man der Industrie noch mehr Handschellen anlegt.

Bei der ganzen Sache wird offenbar vergessen, das die Medikamentenpreise keineswegs die Kostentreiber sind. Es sind die u.a. die Jäger und Sammler, die durch Deutschland Praxen mit ihren wehwechen tingeln(bei übelster compliance). Wenn diese lernen, dass eine ärztliche Dienstleistung oder ein Medikament genauso "wertvoll" sind wie eine Nano-Tec-Versiegelung oder eine Top-Frisur, dann ist Besserung in Sicht...vorher ist es müssig... :-(

Und noch ein Zahl, die Anlass zum Stirnrunzeln geben sollte: durchschnittl. 18 Arztbesuche pro Jahr, d.h. weniger als alle 4 Wochen wird zum Doc gepilgert....unfassbar!
Avatar #88217
Dieter
am Montag, 8. März 2010, 11:11

Wie Öl bohren, nur ertragreicher ...

Schon lustig: Da geben diese Firmen für Werbung (euphemistisch "Marketing") ein Vielfaches von dem aus, was in die Forschung geht.
Wie wäre es, wenn man die Firmen offenlegen läßt, wieviel in die Forschung geflossen ist und daran den erzielbaren Preis festmacht?
Besser wäre ein Quotient aus Forschungsausgaben und Marketingeinsatz: Wer in Relation mehr für Forschung als für Werbung ausgibt, soll durchaus besser daran verdienen.
Letztlich wäre eine Deckelung, wie bei Ärzten ja auch, der letzte nur zu konsequente Schritt,- nicht?
LNS

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