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Medizin

Antidepressiva als Fehlgeburtrisiko

Dienstag, 1. Juni 2010

Montréal – Die Einnahme von Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) in der Frühschwangerschaft könnte das Risiko eines spontanen Aborts begünstigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Fall-Kontroll-Studie im Canadian Medical Association Journal (2010. doi: 10.1503/cmaj.091208).

Die von Anick Bérard von der Universität Montreal ins Leben gerufene Quebec Pregnancy Cohort sammelt Daten zu möglichst allen Schwangerschaften in dem kanadischen Bundesstaat. Dabei greift sie auf mehrere Datenbanken zurück, die es den Forschern auch ermöglichen, die Arzneimittelverordnungen an jene Schwangeren zu recherchieren, die eine Fehlgeburt erlitten.

In einer eingebetteten (“nested”) Fall-Kontroll-Studie wurden sie mit den Rezeptierungen an Frauen in Beziehung gesetzt, die ihre Schwangerschaft erfolgreich austragen konnten. Dabei stellte sich heraus, dass Frauen mit Fehlgeburten etwa doppelt so häufig SSRI eingenommen hatten. Das könnte natürlich auch andere Ursachen haben. Die Qualität von Fall-Kontroll-Studien misst sich daran, wie gut es den Forschern gelingt, diese “Confounder” auszuschließen.

Bérard berücksichtigte einige soziodemografische Eigenschaften der Mütter, etliche chronische Krankheiten und die Einnahme von anderen Medikamenten, von denen eine abortive Wirkung vermutet wird. Auch die Einnahme von Antidepressiva im Jahr vor der Schwangerschaft und die Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitswesens, insbesondere die Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen flossen in die Berechnungen ein.
 

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Tatsächlich wurde dadurch die Odds Ratio von 2,09 auf 1,68 gesenkt. Bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,38 bis 2,06 blieb die Assoziation signifikant. Sie war auf die SSRI beschränkt. Trizyklika scheinen das Risiko nicht zu erhöhen. Überdurchschnittlich hoch war das Risiko bei den Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI, Odds Ratio 2,11) sowie bei der kombinierten Behandlung mit verschiedenen Antidepressiva (Odds Ratio 3,51). Unter den einzelnen Substanzen stachen Paroxetin (Odds Ratio 1,75) und Venlafaxin (Odds Ratio 2,11) hervor.

Trotz der konsistenten Ergebnisse kann die Studie letztlich nicht beweisen, dass die Antidepressiva tatsächlich einen Spontanabort induzieren können. Die Pathogenese ist unklar, der erhöhte Serotoninspiegel könnte eine Rolle spielen.

Zu bedenken ist, dass das Absetzen der Medikamente während der Schwangerschaft ein Rezidiv der Depression auslösen kann. Dennoch sollten SSI nur bei einer echten Indikation eingesetzt werden, raten die Autoren. Zumindest in Nordamerika greifen Schwangere sehr häufig zu Antidepressiva. Nach einer einer anderen Studie erhalten bis zu 3,7 Prozent aller Schwangeren im ersten Trimenon wenigstens einmal ein Rezept. © rme/aerzteblatt.de

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