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Medizin

AMD: Level-1-Evidenz für Avastin

Freitag, 11. Juni 2010

London – Eine im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2010; 340: c2459) publizierte Studie belegt, dass das Krebsmedikament Avastin® in der Lage ist, die Sehleistung im fortgeschrittenen Stadium der altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) zu verbessern.

Der Wirkstoff war früheren Standardtherapien überlegen. Die Ergebnisse werden alle Augenärzte und Kostenträger freuen, die Avastin den Vorzug vor dem deutlich teueren Lucentis® geben. Für die Patienten sind die längeren Intervalle zwischen den intravitrealen Injektionen von Vorteil.

Nach Schätzungen der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) leiden 4,5 Millionen Menschen in Deutschland an einer AMD. An der besonders gefährlichen sogenannten feuchten Form erkranken jedes Jahr etwa 50.000 Menschen. Sie ist eine der häufigsten Ursachen für Erblindungen.

Die dafür verantwortliche Bildung pathologischer Blutgefäße im Bereich der Makula kann durch die regelmäßige intravitreale Injektion von Wirkstoffen verhindert werden, die den Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF) inhibieren.

Derzeit sind in Deutschland zwei VEGF-Inhibitoren für die Behandlung der feuchten AMD zugelassen: 2006 wurde Macugen® mit dem Wirkstoff Pegaptanib eingeführt. Ein Jahr später kam Lucentis hinzu. Sein Wirkstoff, der monoklonale Antikörper Ranibizumab, ist ein Fragment des monoklonalen Antikörpers Bevacizumab.

Bevacizumab ist der Wirkstoff in Avastin, das zur Behandlung verschiedener Krebserkrankungen eingesetzt wird, wo es die Blutversorgung von Tumoren stoppen soll. Der Wirkmechanismus von Bevacizumab und Ranibizumab ist identisch, und vor der Einführung von Lucentis konnten Augenärzte nur Avastin einsetzen. Der Wechsel auf Lucentis fällt vielen Augenärzten schwer, da die Therapiekosten deutlich höher sind und die Kostenträger deshalb die weitere Verwendung von Avastin einfordern.

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Anders als Ranibizumab, das im Rahmen der Zulassung von Lucentis® in drei Phase-III-Studien mit rund 1.300 AMD-Patienten geprüft wurde, können sich die Ophthalmologen beim Einsatz von Bevacizumab nicht auf harte klinische Daten stützen. Auf internationaler Ebene werden derzeit die fehlenden Studien nachgeholt.

Die Ergebnisse einer ersten randomisierten und doppelt maskierten Studie liegen jetzt vor. An drei britischen Augenkliniken wurden 131 Patienten mit feuchter AMD auf Injektionen mit Bevacizumab oder eine Standardtherapie randomisiert. Die Standardtherapie bestand in der intravitrealen Injektion von Pegaptanib oder einer photodynamischen Therapie mit Verteporfin – hier gab es auch einen Placebo-Arm. Lucentis war bei Beginn der Studie noch nicht zugelassen.

Wie Adnan Tufail vom Moorfields Eye Hospital in London und Mitarbeiter berichten, war Bevacizumab der Standardtherapie klar überlegen. Nach einem Jahr hatten 32 Prozent der Patienten einen Gewinn von 15 oder mehr Buchstaben im Sehtest erzielt gegenüber nur 3 Prozent unter der Standardtherapie.

Auch der Anteil der Patienten, bei denen sich die Sehstärke nicht wesentlich verschlechterte, war unter Bevacizumab größer. Da zudem unter den 65 Patienten, die regelmäßige Bevacizumab-Injektionen erhielten, keine wesentlichen schweren Komplikationen auftraten, attestiert Tufail der Therapie eine Level-1-Evidenz.

Avastin ist seiner Ansicht nicht nur wesentlich kostengünstiger als Lucentis. Aufgrund der längeren Wirkdauer von Bevacizumab müsse die Therapie auch seltener wiederholt werden. In der Studie betrugen die Intervalle zwischen den intravitrealen Injektionen sechs Wochen. Für Lucentis sind monatliche Injektionen vorgesehen.

Ob Bevacizumab tatsächlich Vorteile gegenüber Ranibizumab hat, kann nur in direkten Vergleichsstudien gezeigt werden. Solange deren Ergebnisse nicht vorliegen, bleibt Usha Chakravarthy vom Royal Victoria Hospital in Belfast zurückhaltend. Eine offizielle Empfehlung für den Off-Label-Einsatz von Avastin könne derzeit noch nicht ausgesprochen werden, schreibt die Expertin im Editorial (BMJ 2010; 340: c2834).

Nach Auskunft von Tufail ist er jedoch eher die Regel als die Ausnahme. Umfragen der Fachverbände hätten ergeben, dass auch in den USA die meisten Augenärzte Avastin® aus Kostengründen vorziehen würden. © rme/aerzteblatt.de

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