NewsÄrzteschaftBreiter Widerstand gegen Stammdatenabgleich in der Praxis
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Breiter Widerstand gegen Stammdatenabgleich in der Praxis

Mittwoch, 16. Juni 2010

Berlin/Erkrath – Das geplante Gesetz, mit dem Ärzte verpflichtet werden sollen, die Versichertenstammdaten ihrer Patienten auf der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) per Internet abzugleichen, stößt auf heftigen Widerstand. „Damit wird ein weiteres bürokratisches Monster aufgebaut, das nicht dazu beiträgt, den Arztberuf attraktiver zu machen“, kritisierte der NAV-Virchow-Bund.

Das Management von Versichertendaten hat nach Auffassung des Verbandes in Arztpraxen nichts verloren. Es koste viel Zeit und Geld, das in der Patientenversorgung fehle. „In Gebieten, in denen keine schnellen Internetverbindungen verfügbar sind, setzt der vierteljährliche Datenabgleich ein stabiles Nervenkostüm bei Patienten und Praxispersonalvoraus“, hieß es aus dem Verband.
 

Auch das Aktionsbündnis "Stoppt die e-Card!", dem Bürgerrechtsorganisationen, Datenschützer, Patienten und Ärzteverbände angehören, wehrt sich gegen das geplante Gesetz. „Nach der Einführung der unsinnigen Praxisgebühr ist dies ein weiterer Schritt, um die Arztpraxen mit Bürokratie zu belasten und die Patienten zu langen Wartezeiten zu zwingen“, heißt es dazu in einem offenen Brief an Ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler (FDP).

Ärzte sollten Kranke aber unbürokratisch behandeln können. „Das Management der Versichertendaten ist originäre Aufgabe der Krankenkassen“, so das Bündnis. Es fordert daher, die Gesetzesregelung zur verpflichtenden Online-Anbindung aller Arzt- und Zahnarztpraxen zu stoppen.

Anzeige

© hil/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #103123
PR Weil
am Mittwoch, 14. Juli 2010, 07:59

Schwer verständlich

eGK711 hat Recht: durchaus Vieles ist schwer verständlich in der deutschen Kassenwirtschaft. Ein paar Dinge haben der allgemeine deutsche Tschippkartenträger und ich aber dennoch begriffen.

Mit ihren Tschippkarten geben Kassen neben einem Identifikations- ein Zahlungsmittel aus: eine Art Blankoscheck, der ihren Träger zur Entgegennahme prinzipiell unbegrenzter medizinischer Leistung berechtigt, die sich lediglich dem (auf ewig schwummerigen) „wirtschaftlich-ausreichend-notwendig-zweckmäßig“-Rahmen des sozialgesetzlichen Sachleistungsprinzips anzupassen hat.

Nun sind die auf dem Zahlungsmittel Tschippkarte gespeicherten Mitglieder-Stammdaten zu einem sträflich hohen Prozentsatz nicht aktuell, also falsch: es ist nicht drin, was drauf steht. Das bedeutet, dass ein sträflich hoher Prozentsatz des Zahlungsmittels Tschippkarte als eine Art Falschgeld zu betrachten ist.

Im allgemeinen Geschäftsverkehr ist der Beweis der Echtheit eines Zahlungsmittels – hier der Tschippkarte – keine Hol-Schuld, sondern genuine Bring-Schuld des dieses Zahlungsmittel Ausgebenden - hier der Krankenkassen. Wäre es anders, die im Land medizinisch Tätigen bräuchten sofort eine Kassen-SCHUFA. Ich mir kann allerdings nicht recht vorstellen dass ein eGK711 – vielleicht gar Mitarbeiter der Abteilung Marketing & Sales einer deutschen Krankenkasse ? - eine solche wirklich will.

Mit ihrer Forderung nach dem „Stammdatenabgleich“ haben sich die Kassen öffentlich für längst nicht mehr fähig erklärt, die Echtheit des von ihnen ausgegebenen Zahlungsmittels Tschippkarte durchgehend zu garantieren. Dies kann sehr wohl als grob fahrlässiger Umgang mit dem – zunehmend raren - Wirtschaftsgut „medizinische Leistung“ betrachtet werden.


Durchlöcherter Datenschutz ist die zweite hanebüchene Folge des nun gesetzlichen Stammdatenabgleichs. Denn durch seinen Einsatz „bei j e d e m Arztbesuch und nicht nur einmal im Quartal“ zeichnen sich bei den Kassen vielerlei Bewegungsprofile auf. Zudem entschlüsselt und entdeckt z.B. die in den Stammdaten verborgene DMP-Zuordnung in enormem Umfang medizinische Diagnosen. Derlei Vorratsdatenspeicherung ist jedoch in anderen Zusammenhängen längst als grundgesetzwidrig erkannt und unterbunden worden. Warum nicht hier ? Ist denn Sozialrecht ein über dem Grundgesetz stehendes Sonderrecht ?

Bewegungsprofile und verborgen mitgeteilte Diagnosen sind weitaus mehr, als die Kassen wissen und speichern müssen – und dürfen ! - , um ihrem gesetzlichen Auftrag nachzukommen. Denn der besteht nun mal darin, die Beitragsgelder der Kassenmitglieder u.a. in die Honorartöpfe der medizinisch Tätigen umzuschaufeln – und das war’s.

Ich meine: diese ihre ureigene Hausaufgabe sollten die Kassen mal endlich korrekt erledigen. Und ganz alleine, nicht mit erzwungener Beihilfe durch Ärzte.

PR
Avatar #43088
eGK711
am Dienstag, 6. Juli 2010, 13:52

... und bedauerlicherweise immer noch nichts begriffen ...

Selbstverständlich müssen n i c h t die Ärzte die - für ihre Abrechung der erbrachten Leistungen notwendigen - aktuellen Stammdaten der Versicherten eigenständig erheben. Statt dessen stellen die Krankenkassen den Leistungserbingern - kompetent und den gesetzlichen Auflagen entsprechend - die aktuellen und wenn notwendig korrigierten Daten - mit der Tele­ma­tik­infra­struk­tur und der eGK online - zur Verfügung.

Ansonsten müssten Ärzte und Praxispersonal doch wirklich - obwohl dies im Praxisablauf sicherlich zu erheblichen Reibungsverlusten führen würde - neben den Änderungen von Adresse und Versichertenstatus sowie DMP-Teilnahme, auch die Einkommensdaten (wg. Zuzahlungsstatus und -befreiung ...) ermitteln.
Obwohl letzterer Punkt IGeL-mäßig aus wachstums- und kundenorientierter Dienstleistersicht - nervus rerum läßt grüßen - sicherlich als wünschenswert erscheinen könnte.

Wahrhaftig besteht aber für den Arzt keine Verpflichtung die „Kassenkundendaten“ [sic!] zu korrigieren - alles was momentan an Karten ins Kartenlesegerät passt wird gerne verwendet.

Aktueller als per online-Bereitstellung und -Aktualisierung - der "vielleicht gerade vor einer Stunde", nach einem Anruf des Versicherten bei seiner Krankenkasse, geänderten Daten - können die Versichertenstammdaten, nun mal nicht sein.

Wenn die Ärzte nun auch noch die bei den Krankenkassen aktualisiert vorliegenden Daten per online-Aktualisierung der Versichertendaten auf der eGK, bei j e d e m Arztbesuch und nicht nur einmal im Quartal abfragen würden, dann wäre das ein sicherlich als ein großer Fortschritt gegenüber den momentan praktizierten, suboptimalen Prozessen anzusehen.

Also ist die - minimal - korrigierte, ungeschminkte Wahrheit: Wenn man die aktuellen Daten partout nicht zu nutzen bereit ist, um z. B. den Leistungsmissbraucht deutlich zu reduzieren und den Datenschutz zu erhöhen, obwohl dies vom Vertragspartner (Krankenkasse) angeboten und von selbigem sogar per "online-Bonus" v e r g ü t e t wird, dann kann man sicherlich von einer "gigantischen Schlamperei" sprechen.
Avatar #103123
PR Weil
am Montag, 28. Juni 2010, 12:26

Die Ärzte sollens mal wieder richten

Was würde wohl über eine Firma - oder auch eine Behörde - in der Zeitung stehen, die öffentlich bekannt gibt, seit Jahren selbst nicht mehr in der Lage zu sein, ihre Kundendatei in Schuss zu halten, und deshalb öffentliche Unterstützung zu brauchen ? Jedenfalls kein Lobgesang !

Dass die Krankenkassen dieses Gesetz gebraucht und nun bekommen haben, mit dem genau diejenigen, die auf die Richtigkeit der Kassenkundendaten angewiesen sind, zur Korrektur eben dieser Daten verpflichtet werden, belegt eindrücklich, was ohnedies täglicher Anschauung entspricht: die auf Chipkarten gespeicherten Daten sind millionenfach veraltet, falsch, fehlerhaft; ein viel zu großer Teil der Kassenmitglieder trägt mehrere gleichzeitig gültige Kassenkarten mit sich herum, kurz: Folgen gigantischer Schlamperei über Jahrzehnte.

Ungeschminkte Wahrheit: das sollen jetzt die Ärzte richten.

PR
Avatar #102919
patient0815
am Donnerstag, 17. Juni 2010, 11:48

Viel Zeit im Wartezimmer und doch mehr Geld für die Patientenversorgung

Nachdem ich dieses Thema nun schon einige Zeit verfolge, kann ich mich als Versicherter bzw. Patient nicht mehr des Eindrucks erwehren, dass "die Ärzte" oder zumindest die "Standesvertreter" professioneller jammern als die ihnen so wichtigen Patienten.
Zumal mich interessieren würde, für welchen - relevanten - Anteil der Leistungserbringer der NAV-Virchow-Bund und das "Aktionsbündnis" sprechen oder ob sich diese "Interessenvertretungen" (natürlich prozentual gesehen und nicht inhaltlich betrachtet) auf aktuellem FDP-Niveau bewegen.

Aber zurück zu den Inhalten:
Einmal im Vierteljahr soll also die elektronische Gesundheitskarte, wie schon jetzt die Krankenversichertenkarte dazu genutzt werden die - für die Abrechnung mit meiner Krankenkasse erbrachten Dienstleistungen mit meiner Krankenkasse notwendigen - Versichertendaten mit dem von meiner Krankenlasse finanzierten Kartenleser in das Praxissystem des Arztes einzulesen.
Sapperlot ! - Eine "dumme" Karte mit hohem Missbrauchpotential wird durch eine sichere und "intelligentere" Karte ersetzt; es ändert sich somit also erst einmal gar nichts ... , oder vielleicht doch?
Wenn mir z. B. die Karte gestohlen wurde und somit wie eine EC-Karte (auch dieses bürokratische Monster der Finanzwirtschaft gibt es schon geraume Zeit und hat nicht dazu beigetragen können den Beruf des Vermögensberaters attraktiver zu gestalten) gesperrt werden kann, wird mein KV-Beitrag nicht wie bisher verschwendet oder zweckentfremdet der Gesundheitswirtschaft zugeführt, sondern kann originär dazu genutzt werden, m e i n e medizinische Versorgung zu unterstützen.
Oder wenn - unter dem Gesichtspunkt der Reduzierung der bürokratischen Prozesse - z. B. das Frage-Antwort-Spiel nach der Praxisgebühr entfallen kann, weil die aktuelle Information schon vorliegt :-)
Oder wenn sich mein Zuzahlungsstatus geändert hat und dies kann - unbürokratisch - direkt berücksichtigt werden ... .

Ich finde es daher vorbildlich, dass meine Krankenkasse nun in die Lage versetzt wird, ihrer originären Aufgabe nachkommen, per online-Versichertenmanagement sicherzustellen, dass mein Arzt mich endlich "unbürokratisch" behandeln kann.
Dieser sich nun abzeichnende "Service am Patienten", also vor der ambulanten Behandlung zu prüfen, ob ein gültiges Versichertenverhältnis besteht und eventuell einen Kartenmissbrauch zu verhindern, führt für mich als Beitragszahler zu der Frage, warum dies so lange und von welcher Klientel hinausgezögert wurde?
Aus der Überprüfung der Aktualität meiner Versichertendaten resultiert doch für den Arzt eine Risikominimierung hinsichtlich abrechungstechnischer Komplikationen oder Regressforderungen (böses Wort!) durch meine Krankenkasse.
Für diesen sicherlich als selbstverständlich anzusehenden Service wird der "Leistungserbringer meines Vertrauens" sogar von meiner Krankenkasse bezahlt und er profitiert sogar zusätzlich - wenn er direkt mit meiner Krankenkasse abrechnet - dahingehend, dass er seine Dienstleistungsvergütung sehr zeitnah auf seinem Ärztekonto verbuchen und anlageoptimiert nutzen kann.
Jeder andere standesmäßig organisierte "Freiberufler" wäre dem Gesetzgeber dankbar, wenn er neben den obligaten deutschen Gebührenordnungen auch die organisatorische und technische Basis für die sichere und schnelle monetäre Überprüfung seiner potentiellen Kunden und die Sicherstellung der Abrechnung mit den vertraglich vorgegebenen Geschäftspartnern – und dies auch noch auf Kosten derselben (!) - auf den bürokratischen Weg bringen würde.
Sicherlich wird der angepriesene bürokratische "Supergau" in den Wartezimmern - denn als Patient kann man seine Krankheiten nur suboptimal planen - sicherlich nicht immer am ersten Tag des betreffenden Quartals erfolgen. Also doch keine glühenden ISDN- und DSL-Leitungen.
Und sollte ich als Kassenpatient entspannt und gelassen im Wartezimmer wirklich einmal dem Abschluss der Aktualisierung meiner Versichertenstammdaten entgegenfiebern, kann ich mir sicherlich genügend Zeit mit dem Lesen von Boykottaufrufen zur elektronischen Gesundheitskarte vertreiben, die mir partout einreden wollen, dass im Aktenschrank und auf der Festplatte im PC meines Arztes meine medizinischen Daten sicherer verwahrt sind, als passwort- und zugriffgeschützt per Kryptographie auf dem Server meiner Wahl.

Nichtsdestotrotz sehe ich mich als Beitragszahler n i c h t dafür zuständig, den Arztberuf dadurch attraktiver zu gestalten, dass ich - obwohl vermeidbar - persönliche Einschränkungen in Bezug auf Datenschutz und -sicherheit und hinsichtlich der Möglichkeit von Kostenreduzierungen durch Missbrauchvorbeugung hinnehmen soll.
LNS

Nachrichten zum Thema

17. Oktober 2019
Berlin – Vor allem die digitalen Gesundheitsanwendungen und deren Implementierung in die Routineversorgung, aber auch die geplanten Regelungen zur Datentransparenz und damit verbundene Fragen zum
Digitale-Versorgung-Gesetz: Experten sehen noch Nachbesserungsbedarf
17. Oktober 2019
Berlin – In der vom Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) initiierten Medizininformatik-Initiative (MII) arbeiten die in vier großen Konsortien zusammengeschlossenen Standorte der Universitätsmedizin
„Wir brauchen Standardisierung und Datenqualität“
17. Oktober 2019
Berlin – Die Digitalisierung habe perspektivisch das Potenzial, Prozesse und auch grundlegende Prinzipien der gesundheitlichen Versorgung zu verändern und infrage zu stellen. Das hat Klaus Reinhardt,
Digitale Medizin: Vertrauen in neue Strukturen und Abläufe schaffen
17. Oktober 2019
Frankfurt – Die Digitalisierung im Gesundheitswesen kann dabei helfen, die Gesundheit der Menschen zu stärken, die Krankenversorgung zu verbessern und das medizinische Fachpersonal zu entlasten. Das
LÄK Hessen: Digitalisierung kein Ersatz für fehlende Ärzte
17. Oktober 2019
Spiegelberg – Weil seit langem kein Hausarzt für Spiegelberg im Rems-Murr-Kreis gefunden werden konnte, wird dort nun ein neues Modell erprobt: In der „Ohne-Arzt-Praxis“ sollen sich Patienten künftig
„Ohne-Arzt-Praxis“ im Rems-Murr-Kreis geplant
17. Oktober 2019
Berlin – Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) hat die finanzielle Förderung von 31 weiteren innovativen Projekten zu neuen Versorgungsformen beschlossen. Das teilte das
Innovationsfonds fördert weitere 31 Projekte zu Versorgungsformen
15. Oktober 2019
Berlin – Erneut ist eine Gesundheits-App unter Verdacht geraten, sensible Daten ohne Wissen des Nutzers an Facebook und Analysefirmen in den USA übermittelt zu haben. Nach Recherchen der
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER