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Medizin

Lungenkrebs: Vitamin B-Mangel als Risiko

Mittwoch, 16. Juni 2010

Lyon – Menschen mit hohen Vitamin B1- oder Methioninkonzentrationen im Blut erkranken einer Fall-Kontroll-Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2010; 303; 2377-2385) zufolge nur halb so häufig an Lungenkrebs. Eine Therapieempfehlung lässt sich aus den Ergebnissen aber nicht ableiten.

Eine Reihe von B-Vitaminen werden bei Zwischenschritten der DNA-Synthese benötigt. Ihr Mangel könnte deshalb die Integrität der DNA schädigen und auf diese Weise das Krebswachstum fördern. Diese Hypothese ist nicht neu und die krebspräventive Wirkung von Vitamin B9 (besser bekannt als Folsäure) war bereits Gegenstand von zwei randomisierten klinischen Studien – beide mit negativem Ergebnis: Die Supplementierung blieb ohne Auswirkung auf die Inzidenz von Kolorektalkarzinomen.

Jetzt wird die Debatte um eine protektive Wirkung von B-Vitaminen, die außerhalb der Schulmedizin trotz fehlender Evidenz viele Anhänger hat, erneut belebt. Die Gruppe um Paul Brennan von der International Agency for Research on Cancer (IARC) in Lyon und Mitarbeiter greifen dazu auf die Daten der „European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition“ oder EPIC-Kohorte zurück.

Sie umfasst mehr als eine halbe Million Erwachsene aus zehn europäischen Ländern, die zwischen 1991 und 2000 rekrutiert wurden. Darunter waren 899 Teilnehmer, die bis 2006 an Lungenkrebs erkrankt sind und bei denen Blutproben verfügbar waren. Brennan stellte sie 1.770 Personen gegenüber, die nicht an Krebs erkrankt waren.

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Dabei wurde nicht nur für Folsäure, das in den beiden präventiven Studien gescheitert war, eine inverse Beziehung zu den Serumkonzentrationen gefunden, sondern auch für Vitamin B6 und zu Methionin. Methionin ist eine essenzielle Aminosäure, die der menschliche Körper nicht selbst synthetisieren kann und die ebenso wie B-Vitamine mit der Nahrung zugeführt werden muss.

Für beide Substanzen errechnet Brennan für Teilnehmer im obersten Quartil der Serumkonzentrationen in etwa eine Halbierung des Lungenkrebsrisikos, wobei die Ergebnisse je nach Berücksichtigung möglicher Confounder etwas variierten.
 

Die Auswirkungen waren aber bei Rauchern, Ex-Rauchern und Nichtrauchern gleich. Trotz des beachtlichen Ausmaßes wäre es verfrüht, eine protektive Wirkung von Vitamin B-Supplementen anzunehmen.

Nach den schlechten Erfahrungen der letzten Jahre mit antioxidativen Vitaminen, die in Fall-Kontroll- und Beobachtungsstudien häufig eine günstige Wirkung zu haben schienen, am Ende aber das Krebsrisiko sogar erhöhten, dürften Experten die Ergebnisse der Studie zurückhaltend beurteilen.

Kein Zweifel besteht daran, dass das Rauchen der wichtigste Risikofaktor ist. Dies zeigen auch die Daten der EPIC-Studie in aller Deutlichkeit. Die alters-standardisierte Inzidenzrate für Lungenkrebs betrug für Nichtraucher (Nichtraucherinnen) 6,6 (7,1) pro 100.000 Personen-Jahre. Bei den Rauchern (Raucherinnen) waren es 156,1 (100,9) pro 100.000 Personen-Jahre. Rauchen erhöht demnach das Risiko um den Faktor 24 (14). Bei Exrauchern (Exraucherinnen) betrug die Inzidenzrate 44,9 (23,9) pro 100.000 Personen-Jahre. Die Abstinenz lohnt sich also.

Die präventive Wirkung von B-Vitaminen beim Lungenkrebs dürfte demgegenüber (sofern sie überhaupt besteht) wesentlich kleiner sein als der Verzicht auf das Rauchen – was aber nicht gegen eine gesunde vitaminreiche Ernährung spricht. Vitamin B2 ist in Bohnen, Getreide, Fleisch, Geflügel, Fisch und einigen Obst- und Gemüsesorten enthalten. Die primäre Quelle für Methionin sind tierische Eiweiße sowie einige Nüsse und Gemüsesamen. © rme/aerzteblatt.de

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