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Medizin

Sportmedizin: ALS als Folge wiederholter Hirntraumata

Mittwoch, 18. August 2010

Boston – Die wieder­holten kleinen Kopf­verletzungen, zu denen es in Kampf­sportarten wie Boxen oder American Football kommt, schädigen möglicher­weise nicht nur das Gehirn.

Eine Studie im Journal of Neuropathology and Experimental Neurology (2010; 69: 918-929) dokumentiert erstmals auch pathologische Ablagerungen im Rückenmark wie bei einer amyotrophen Lateralsklerose (ALS).

Die ALS ist eine insgesamt seltene (Inzidenz: 3 auf 100.000) Erkrankung der Motoneuronen im Gehirn und im Vorderhorn des Rückenmarks. Die wenigsten Fälle (etwa 10 Prozent) haben einen genetischen Hintergrund. Die anderen Erkrankungen treten sporadisch auf. Ihre Ursache ist bisher unbekannt.

Immer wieder gibt es Berichte über Sportler, die an einer ALS erkrankt sind. In den USA wird die ALS auch nach dem Baseballspieler Lou Gehrig benannt, der 1941 im Alter von nur 37 Jahren starb. Für Gehrig, der in seiner Collegezeit auch Football spielte und als Baseball-Spieler kaum ein Spiel verpasste – er legte eine legendäre Serie von 2036 Einsätzen in Folge hin – sind mehrere Schädel-Hirn-Traumata dokumentiert.

Epidemiologische Studien haben wiederholt auf ein erhöhtes Erkrankungsrisiko hingewiesen. Betroffen sind möglicherweise auch Fußballer (Profis in Italien erkranken 6,5-fach häufiger als erwartet; Brain 2005; 128: 472-76). Besorgniserregend ist aber eine Häufung von Erkrankungen bei Profis der National Football League der USA, für die in Studien ein mehr als achtfach erhöhtes Risiko gefunden wurde. Auch bei Kriegsveteranen (zuletzt nach dem Golfkrieg) wurde ein mehr als zweifach erhöhtes Risiko ermittelt.
 

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Gemeinsamer Nenner sind repetitive kleinere Schädel-Hirn-Traumata, die keine Symptome verursachen müssen, die auf Dauer aber dem Gehirn einen schweren Schaden zufügen könnten. Seit 2008 untersuchen Forscher der Universität Boston im Center for the Study of Traumatic Encephalopathy (CSTE) die Gehirne von 12 US-Sportprofis (Footballspieler, Boxer und ein Eishockeyspieler), die im relativ jungen Lebensalter an einer Demenz verstorben waren. Die Forscher sprechen von einer chronischen traumatischen Enzephalopathie (CTE). Ursache sind pathologische Ablagerungen des Tau-Proteins. Diese Ablagerungen in den Gehirnen der Ex-Profis gefunden wurden.

Doch die Gruppe um Ann McKee vom CSTE entdeckte in zehn Gehirnen noch ein zweites pathologisches Eiweiß: TDP-43. Es war nicht nur im Gehirn vorhanden, sondern bei drei Sportlern auch im Rückenmark, einschließlich der Motoneurone, deren Degeneration das zentrale Kennzeichen der ALS ist.

Bei allen drei Sportlern war vor dem Tod zusätzlich zur Demenz auch eine klinische ALS diagnostiziert worden. TDP-43-Ablagerungen finden sich nach Auskunft der Forscher auch im Rückenmark von Patienten mit sporadischer ALS-Erkrankung, wenn auch nur in geringer Menge.
Bei den drei Sportlern waren sie sehr ausgedehnt und außerdem mit Ablagerungen des Tau-Proteins assoziiert. Es könnte also sein, dass die drei Sportler an eine Sonderform der ALS erkrankt waren, die durch repetitive Schädel-Hirn-Verletzungen entstehen. Die Forscherin vermutet, dass die Proteine im Gehirn entstehen und dann das Rückenmark hinunter transportiert werden, was sie jetzt im Tiermodell beweisen möchten.

© rme/aerzteblatt.de

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