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Medizin

Adipositas-Chirurgie boomt in England

Freitag, 27. August 2010

London – Langsam aber sicher erreicht die bariatrische Chirurgie Europa. In England ist die Zahl der Eingriffe in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die Sterblichkeit ist nach einer Studie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2010; 341: c4296) gering, doch jeder zwölfte Patient musste innerhalb eines Monats erneut in der Klinik aufgenommen werden.

Während Eingriffe zur Verkleinerung des Magenvolumens und zur Verkürzung der Resorptionsstrecken im Dünndarm in Deutschland sehr umstritten sind und nur selten durchgeführt werden, hat sich die bariatrische oder metabolische Chirurgie, wie sie wegen der günstigen Auswirkungen auf den Stoffwechsel auch genannt wird, in angelsächsischen Ländern rasch ausgebreitet.

Nach Angaben der American Society for Metabolic and Bariatric Surgery (ASMBS) haben sich in den USA im letzten Jahr 2009 bereits 220.000 Menschen operieren lassen. In England waren es bis März 2008 bereits 6.953 Eingriffe, die allein in Kliniken des staatlichen Gesundheitswesens (NHS) durchgeführt wurden.

Seit 2000 hat sich die Zahl der Operationen verzehnfacht. Das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) empfiehlt die Kostenübernahme für Patienten mit morbider Adipositas. Darunter fallen alle Erwachsene mit einem Body Mass Index (BMI) über 40, oder einem BMI über 35, wenn eine Begleiterkrankung wie ein Typ-2-Diabetes mellitus vorliegt, der sich nach der Operation rasch bessert – oft sogar schneller als die Patienten Gewicht verlieren.
 

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Die Akzeptanz bei den Patienten ist gestiegen, seit die Eingriffe minimalinvasiv durchgeführt werden. In England stieg ihr Anteil von 28 Prozent in 2000 auf 75 Prozent in 2007, wie die Gruppe um Omar Faiz vom Imperial College London berichtet.

Während an der deutlichen Gewichtsreduktion und den günstigen Wirkungen auf die Folgekrankheiten der Adipositas kaum noch Zweifel bestehen, werden immer wieder Fragen zur Sicherheit der Operation aufgeworfen.

Faiz versucht sie durch eine Analyse der englischen Krankenhausstatistik (Hospital Episode Statistics) zu zerstreuen. Von den 6.953 Patienten sind nur 19 in den ersten 30 Tagen nach der Operation verstorben, was eine Sterblichkeit von 0,3 Prozent ergibt, wobei offen bleiben muss, ob der Tod auf die Operation zurückzuführen ist oder andere Gründe hatte. Die Sterberate während des ersten Jahres der im Durchschnitt 42 Jahre alten Operierten betrug 1,3 Prozent, was nach Ansicht der Autoren die langfristige Sicherheit unterstreicht.

Kurzfristig musst aber mit Komplikationen gerechnet werden. Immerhin 556 oder 8 Prozent der Patienten wurden innerhalb von 28 Tagen erneut hospitalisiert, wobei die Patienten nach einer Sleeve-Gastrektomie (Schlauchmagen) zu 69 Prozent häufiger erneut in der Klinik aufgenommen wurden als nach einer Magenbandoperation.

Bei der Sleeve-Gastrektomie wird ein Teil des Magens entfernt. Im Gegensatz zum Magenband ist der Eingriff nicht reversibel. Mit vermehrten Komplikationen muss vor allem bei komorbiden Patienten gerechnet werden. Bei einem Charlson-Index von 2 oder höher stieg die 30-Tage Mortalität auf 8 Prozent (2/26 Patienten) an.

Faiz räumt ein, dass die Analyse von Krankenhausstatistiken eine ungenaue Methode ist, um die Auswirkungen einer bariatrischen Chirurgie zu untersuchen. In Großbritannien wurde deshalb kürzlich ein Patientenregister (National Bariatric Surgery Registry) eingerichtet. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #104367
kollegin
am Samstag, 28. August 2010, 14:30

Leider

sind Artikel und mancher Kommentar derart unqualifiziert, dass klar ist, in Deutschland ist die internationale Entwicklung noch gar nicht angekommen. Unzureichend wird die internationale Argumentation dargelegt: Bariatrische Chirurgie rettet Menschenleben. Die Darstellung der angewendeten Techniken umfasst leider nicht die Bypasschirurgie, die langfristig ernste Auswirkungen hat und zum Beispiel Vitaminsubstitution erforderlich macht. International werden Patienten a l l e r Altersgruppen operiert, vom Jugendlichen bis zum Greis, finanziert von Kassen und nationalen Gesundheitswesen. Unbestritten führt die bariatische Chirurgie zu Folgeeingriffen, nicht nur bei Komplikationen: Das beschreibt nichts besser als der Begriff Änderungsfleischerei...
Das Thema bietet hochinteressante medizinische, politische und soziale Aspekte, bitte besser recherchieren und informieren.
Avatar #104365
clavigo
am Samstag, 28. August 2010, 12:34

Irrtum Übergewicht!

Ich finde den Artikel sehr wichtig und er zeigt auch auf, dass Deutschland in der Behandlung der Adipositas noch ein Entwicklungsland ist. In Österreich, ein Land mit vergleichbaren Lebensbedingungen, werden genauso viele Operationen durchgeführt wie in Deutschland und dies bei einer Bevölkerungszahl von 1/10.

In seinem Buch "Irrtum Übergewicht" fasst Herr Professor Hebebrand von der Uniklinik Essen die Problematik sehr gut zusammen. Die Adipositas-Chirurgie ist derzeit die Maßnahme mit der höchsten Evidenz. Die Gewichtsreduktion ist nicht nur durch die Verkleinerung des Magens bedingt, sondern auch durch eine Hormonumstellung. Die Problematik ist sehr komplex und durch einfach durch "Bewegung und vernünftige Ernährung" ist ein normales Gewicht für die betroffenen Patienten nicht erreichbar. Die Kriterien von NICE folgen hier dem internationalem Standard und spiegeln auch die hohe Qualität der Empfehlungen der britischen Institution für Qualitätssicherung wieder.

Polemische Kommentare helfen den Erkrankten nicht, sondern erschweren nur die adäquate Behandlung. Auch aus rein wirtschaftlicher Sicht lohnt sich die Adipositas-Chirurgie, da sie preiswerter ist als die Behandlung der Betroffenen.
Avatar #100202
Businesspaar
am Samstag, 28. August 2010, 11:19

Schlimm

Da wird tatsächlich eine Kostenübernahme für "fisch and chips" mampfenden und literweise Cola schluckenden "fatties" empfohlen. Unglaublich.
Avatar #87250
adonis
am Freitag, 27. August 2010, 19:31

Eine sehr fragliche Methode

abzunehmen, denn letztlich endet sie faktisch genau da, wo man auch ohne Operation landen könnte. Man isst weniger. Wenn der Magen kleiner ist, dann bringt man weniger hinein. Aber es gibt wohl dann doch noch Menschen, die es schaffen trotz Operation so viel Coca Cola und Sahne in sich zu schlingen, dass die Operation keinen Effekt hat.
Vielleicht wäre es doch besser den Patienten klar zu machen, dass es nicht anders geht: Bewegung und eine vernünftige Ernährung.
LNS

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