NewsMedizinMigräne-Gen: Warum Glutamat eine Migräne auslösen kann
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Migräne-Gen: Warum Glutamat eine Migräne auslösen kann

Montag, 30. August 2010

Cambridge – Ein internationales Forscherteam hat erstmals eine Genvariante gefunden, die das allgemeine Risiko auf eine Migräne erhöht. Die Studie in Nature Genetics (2010; doi: 10.1038/ng.652) dürfte die Konzepte zur Pathophysiologie der Erkrankung verändern.

Eine von sechs Frauen und einer von zwölf Männern erkrankt zumeist im jungen Erwachsenenalter an einer Migräne. Gemessen an den Behandlungskosten und den Ausfallzeiten am Arbeitsplatz ist die Migräne sicherlich die bedeutendste Hirnerkrankung – wobei bisher unklar ist, ob die Kopfschmerzattacken überhaupt von den Hirnzellen ausgehen.

Die derzeit bevorzugte vaskuläre Hypothese sieht in einer Vasodilatation kranieller Blutgefäße das primäre Ereignis. Das erklärt sehr gut die Wirksamkeit der derzeit bevorzugten Akutmedikamente, der Triptane, aber auch der früher verwendeten Mutterkornalkaloide, denn diese führen zu einer Vasokonstriktion.

Die Aura, die vielen schweren Attacken vorausgeht, lässt sich eher mit der Übererregbarkeitshypothese erklären, nach der sich von einem Focus aus, eine Depolarisationsfront über das Gehirn ausbreitet. Einer der beteiligten Neurotransmitter könnte Glutamat sein, was erklärt warum der Geschmacksverstärker Mononatriumglutamat zu den häufigsten und stärksten Triggern gehört.
 

Anzeige

Diese Hypothese wird jetzt durch die Ergebnisse einer genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) gestützt, für die das International Headache Genetics Consortium unter Aarno Palotie vom Sanger Institute in Cambridge die Gene von 3.000 Migräne-Patienten aus Finnland, Deutschland und den Niederlanden und 10.000 gesunden Probanden verglichen hat.

Dabei wurde eine Assoziation mit einer Genvariante (Single Nucleotide Polymorphism, SNP) auf dem Chromosom 8q22.1 entdeckt. Dies wurde durch die Analyse einer zweiten Kohorte an fast 3.000 Patienten und mehr als 40.000 Gesunden validiert.

Das SNP rs1835740 befindet sich zwischen den beiden Genen MTDH (“astrocyte elevated gene 1”) und PGCP (“encoding plasma glutamate carboxypeptidase”). rs1835740 hat in Zellversuchen die Aktivität des MTDH-Gen beeinflusst, das wiederum die Aktivität des EAAT2-Gens reguliert. Sein Genprodukt, das EAAT2 Protein, ist für die Beseitigung von Glutamat aus den Synapsen zuständig.

Ein Defekt an dieser Stelle erklärt plausibel, warum Glutamat in der Nahrung eine Migräne-Attacke auslösen kann. Ob Glutamat den Kopfschmerz bevorzugt bei Personen mit der jetzt gefundenen Genvariante triggert, wurde bisher nicht untersucht.

Die Forscher rechnen damit, dass die Studienergebnisse von der Arzneimittelforschung aufgegriffen werden: Medikamente, die die Beseitigung von Glutamat fördern, könnten bei der Migräne wirksam sein. Für die Diagnose der Migräne dürfte die Entdeckung keine große Rolle spielen, zumal das SNP das Migräne-Risiko nur um 20 Prozent – in der Validierungsstudie um 18 Prozent – erhöht.

Offen ist auch, ob die Assoziation auf schwere Fälle beschränkt ist, die an Behandlungszentren wie den an der Studie beteiligten Kliniken betreut werden, oder ob das Gen auch zu den häufigeren, aber weniger schweren Erkrankungen prädisponiert. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #87250
adonis
am Mittwoch, 1. September 2010, 11:46

Vielleicht wäre es ein interessanter Diskussionspunkt

Glutamat zu verbieten oder zu mindest ein Warnetikett auf die Verpackungen aufzubringen um Patienten mit Migräne hier zu schützen.
LNS

Nachrichten zum Thema

14. Oktober 2019
Silver Spring – Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat mit dem Serotonin-Agonisten Lasmiditan ein neues Medikament zur Behandlung von Migräneattacken bei Erwachsenen zugelassen. Lasmiditan darf anders als
USA: Serotonin-Agonist Lasmiditan zur Behandlung von Migräneattacken zugelassen
9. Oktober 2019
Stuttgart – Neue Substanzen könnten für Migränepatienten, bei denen die Einnahme von Triptanen kontraindiziert ist, eine Therapieoption sein. Das haben Experten auf der Jahrestagung der Deutschen
Neue Substanzklassen für Akuttherapie der Migräne in klinischer Prüfung
25. September 2019
Berlin – Migräne ist bei Frauen und Männern unterschiedlich mit kardiovaskulären Erkrankungen assoziiert. Die Forschung trage diesem Fakt aber unzureichend Rechnung, kritisierte Antoinette Maassen van
Migräne: Geschlecht relevant für kardiovaskuläre Gesundheit
12. August 2019
Boston – Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke gelten bei Migräne-Patienten als mögliche Trigger für Schmerzattacken. Eine prospektive Kohortenstudie im American Journal of Medicine (2019; doi:
Migräne: Anfallsrisiko steigt erst ab der dritten Tasse Kaffee oder anderer koffeinhaltiger Getränke
22. Juli 2019
Berlin – Mit einer leitliniengerechten und individualisierten Therapie ist heute fast jede Migräne beherrschbar. Das haben die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Migräne- und
Selbstmedikation von Migräne führt häufig in die Chronifizierung
15. Juli 2019
London – Der CGRP-Antikörper Galcanezumab, der zur Anfallsprophylaxe der Migräne zugelassen ist, hat in einer randomisierten Studie im New England Journal of Medicine (2019; 381: 132-141) auch bei
Migräne-Antikörper Galcanezumab senkt Anfallsfrequenz bei episodischen Cluster-Kopfschmerzen
12. Juli 2019
New York – Dem „Calcitonin Gene-Related Peptide“ (CGRP) wird eine zentrale Rolle in der Pathogenese von Migräne-Anfällen zugeschrieben. Nachdem in den letzten Jahren mit Erenumab, Galcanezumab und
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER