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Ärzteschaft

Palliativ­mediziner verzichten auf Lebens­verlängerung um jeden Preis

Montag, 6. September 2010

Bochum – Um sterbenden Patienten Schmerzen zu ersparen, nehmen Palliativmediziner häufig den früheren Tod des Patienten in Kauf. Das hat eine Umfrage der Ruhr-Universität Bochum (RUB) unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin ergeben.

„Es ist bemerkenswert, dass ein Teil der befragten Ärzte eine Verkürzung des Lebens als Konsequenz ärztlichen Handelns nicht nur vorhersieht sondern beabsichtigt”, resümierte Jan Schildmann vom Institut für Medizinische Ethik der RUB.

Der Studie zufolge linderten Ärzte in 78 Prozent der 780 ausgewerteten Fälle Krankheitssymptome durch Maßnahmen, die das Leben des Patienten möglicherweise verkürzten.

In 69 Prozent der Fälle verzichteten Ärzte zudem bewusst auf medizinische Schritte, die das Leben der Patienten eventuell verlängert hätten. In zehn Fällen gaben Ärzte an, den Tod des Patienten absichtlich herbeigeführt zu haben.

In 47 Fällen wurden die Patienten nicht über eine mögliche Lebensverkürzung informiert, obgleich sie zum Zeitpunkt der Entscheidung als selbstbestimmungsfähig eingeschätzt wurden. Laut Studie gaben die Ärzte an, das „beste Interesse des Patienten“ beziehungsweise „die Vermeidung eines möglichen Schadens“ als Gründe für ein solches Vorgehen an.

Die Deutsche Hospiz Stiftung bezeichnete die Ergebnisse der Studie als alarmierend. Es bedeute eine „große Gefahr für alle Schwerstkranken“, wenn selbst speziell ausgebildete Palliativmediziner den Patientenwillen derart missachteten.

Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin und die Bundes­ärzte­kammer seien dringend aufgerufen, für ethische und rechtliche Klarheit in der Ärzteschaft zu sorgen, sagte der Geschäftsführende Vorstand Eugen Brysch. „Das Selbstbestimmungsrecht schwerstkranker Menschen ist zu achten.“ © hil/kna/aerzteblatt.de

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advokatus diaboli
am Montag, 6. September 2010, 18:55

Aufrichtige Debatte ist jenseits von Sonntagsreden einzufordern!

In der Tat kann die neuerliche Umfrage insbesondere vor dem Hintergrund der von der BÄK unlängst veröffentlichten Umfrage zur ärztlichen Suizidassistenz nur als Anstoß dafür gewertet werden, nunmehr eine offene und ehrliche Debatte zu führen.

„Die offiziellen Verlautbarungen zum ärztlichen Standesethos stimmen offenbar nicht mit den moralischen Bewertungen und Handlungen zahlreicher Ärztinnen und Ärzte in Deutschland überein“, sagt Prof. Vollmann. „Die neuen empirischen Forschungsergebnisse sollten als Grundlage für eine ehrliche Debatte über zeitgemäße ethische Richtlinien zum ärztlichen Handeln am Lebensende genutzt werden“.

Dem Statement kann nur beigetreten werden und in diesem Sinne bleibt freilich auch die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung aufgerufen, ihren partiellen ethischen Widerstand gegen einer Liberalisierung der Suizidbeihilfe aufzugeben. Die Legalisierung der ärztlichen Suizidbeihilfe liegt zuvörderst auch im Interesse schwersterkrankter Patienten und von daher ist es nicht nachvollziehbar, weshalb diesbezüglich die Deutsche Hospiz Stiftung eine ablehnende Haltung einnimmt.

Auf Dauer stellt sich hierdurch die Stiftung ins „Abseits“ und muss sich die Frage gefallen lassen, wie ernst es ihr mit dem Selbstbestimmungsrecht ist, dass im Übrigen nicht zur Fremdbestimmung über die Ärzteschaft führt. Wohlwollende Sonntagsreden ersetzen beileibe nicht ein unvoreingenommenes Bekenntnis zum Selbstbestimmungsrecht.

Lutz Barth

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