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Medizin

Wie Ghostwriter die Hormonersatztherapie verkauften

Mittwoch, 8. September 2010

Washington – Im Rahmen der Schadenersatzklagen von Brustkrebspatientinnen gegen einen Hersteller der vormaligen Hormonersatztherapie wurden jetzt interne Dokumente im Internet veröffentlicht. Eine erste Auswertung in PLoS Medicine (2010; 7: e1000335) wirft ein Licht auf die Arbeitsweise des Pharmamarketings, das sich nicht scheut, Ghostwriter für pseudowissenschaftliche Werbekampagnen einzuspannen.

Bis vor wenigen Jahren waren viele Ärzte der Überzeugung, dass die Menopause eigentlich eine endokrine Erkrankung ist, vergleichbar etwa mit der Schilddrüsenunterfunktion. Eine Hormonsubstitution schien indiziert. Diese hatte lange Jahre in einer Monotherapie mit Östrogenen bestanden.

Das erste Präparat, Premarin, war in den USA 1942 zur Behandlung klimakterischer Beschwerden zugelassen worden. Schon damals warb der Hersteller damit, dass das Medikament nicht nur Hitzewallungen lindert, sondern ganz allgemein Gesundheit und Jugend erhält.

1975 kam der erste Schock, als eine Studie zeigte, dass Anwenderinnen von Premarin ein achtfach erhöhtes Risiko hatten, an einem Endometriumkarzinom zu erkranken. Dieses Problem wurde durch den Zusatz von Progestin gelöst. So erfreute sich seit den 80er Jahren die postmenopausale Hormonersatztherapie (HRT) steigender Beliebtheit.

In den 90er-Jahren wurden der HRT immer weitere positive Wirkungen zugeschrieben. Die Östrogen-Gestagen-Kombination sollte vor allen möglichen Alterskrankheiten schützen. Die Bandbreite reichte von kardiovaskulären Erkrankungen über die Osteoporose bis hin zu Parkinson und Alzheimer.

Auch Darmkrebs, Zahnverlust und Makuladegeneration sollten sich durch die Einnahme der Hormone verhindern lassen. Diese Behauptungen stützten sich auf Beobachtungsstudien, Laborexperimenten oder auch nur auf grundsätzlichen Überlegungen. Randomisierte klinische Studien wurden nicht durchgeführt.

Die erste Studie dieser Art war die Heart and Estrogen/progestin Replacement Study (HERS), die 1998 keine präventive Wirkung auf kardiovaskuläre Endpunkte feststellen konnte. Das vorläufige Ende der HRT kam 2002, als die Women's Health Initiative (WHI) zeigte, dass die Therapie gleich mit mehreren Gesundheitsrisiken verbunden war.

Anwenderinnen erkrankten häufiger an Brustkrebs, Schlaganfällen und Thrombosen. Spätere Analysen dokumentierten ein erhöhtes Risiko auf Demenzerkrankungen und Inkontinenz. Trotz einer verminderten Zahl von Knochenbrüchen und Darmkrebserkrankungen fiel die Nutzen-Risiko-Bewertung der HRT negativ aus.

Wie es scheint, wurde die frühere Euphorie durch Marketingaktivitäten des Herstellers kräftig unterstützt. Dies geht aus den etwa 1.500 Dokumenten hervor, die der Hersteller Wyeth, jetzt Pfizer, offenlegen musste. Die New York Times und PLoS hatten dies beim zuständigen Richter durchgesetzt. Es ist zu erwarten, dass im Verlauf der anstehenden Schadenersatzklagen noch weitere interne Dokumente als Licht kommen.

Adriane Fugh-Berman von der Georgetown Universität in Washington hat die bisher bekannten Dokumente analysiert. Sie lassen einen starken Einfluss der Marketingabteilung auf wissenschaftliche Publikationen erkennen. Beiträge in Fachzeitschriften und Vorträge auf Kongressen sind für die Hersteller ein wichtiges Forum, um Marketing-Botschaften zu präsentiere, ohne dabei an die strengen Regeln der Pharmawerbung gebunden zu sein.

So ist es beispielsweise in den USA streng untersagt, in Werbebroschüren auf eine nicht zugelassene Off-Label-Anwendung hinzuweisen. Auf Kongressen und in Fachartikeln ist dies erlaubt, wenn die Idee von unabhängigen Forschern vorgebracht und durch Studienergebnisse untermauert werden. Doch gerade die Unabhängigkeit vieler akademischer „Meinungsführer“ wird durch die jetzt vorgestellte Analyse infrage gestellt.

Fugh-Berman kann nämlich zeigen, dass viele wissenschaftliche Beiträge in Wirklichkeit von Ghostwritern verfasst wurden. Diese waren bei Agenturen wie “DesignWrite” aus Princeton/New Jersey angestellt. “DesignWrite” hat den Recherchen der Forscherin zufolge zwischen 1997 und 2003 mehr als 50 peer-review-Publikationen, mehr als 50 Abstracts und Poster, Zeitschriftensupplemente sowie interne “white papers” verfasst.

Die Agentur erstellte auch Diavorträge und Materialien für Satellitensymposien – und hat dabei offenbar nicht schlecht verdient. Manuskripte für klinische Studien kosteten beispielsweise 25.000 US-Dollar, Reviews 20.000 US-Dollar, ein Abstract 4.000 US-Dollar. Für die Überarbeitung fremder Manuskripte wurden 2.000 US-Dollar in Rechnung gestellt. 

Ideen lieferte das Marketing

Die Idee für die Publikationen kam häufig vom Marketing oder der Agentur. Dort erstellte typischerweise ein Ghostwriter einen ersten Entwurf für ein Mini-Review, ein Editorial, einen Leserbrief oder einen Kommentar, den sie an den Hersteller schickten. Dieser ließ dann seine Marketing-Botschaften einfließen. Erst danach bekam der akademische Mediziner, der später aus Autor fungierte, den Text zu lesen, um Änderungswünsche einzufügen.

Diese wurden nach Einschätzung von Fugh-Berman akzeptiert, sofern sie den Marketinginteressen des Herstellers nicht widersprachen. Die Autoren der Publikationen seien zudem durchaus austauschbar gewesen. Die Ghostwriter bei DesignWrite übernahmen teilweise sogar die Korrespondenz mit den Fachjournalen und verteidigten die Artikel gegen etwaige Einwände der Gutachter.

So entstanden in der Regel Publikationen, die ein mögliches Brustkrebsrisiko verneinten – es hatte schon vor der WHI-Studie Bedenken gegeben – die kardiovaskulären Vorteile verteidigten, obwohl die Evidenz schwach war, und den Stellenwert des Originalpräparats gegenüber dem von Mitbewerbern hervorheben.

Beliebt waren auch Supplemente. Fugh-Berman stieß bei ihren Recherchen auf ein Exemplar, das am Ende sogar einen CME-Abschnitt hatte. Dort wurden teilweise die Marketing-Botschaften als medizinisches Wissen abgefragt.

Der Hersteller hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Der Beitrag ignoriere die Tatsache, dass die publizierten Manuskripte den Peer-Review-Prozess einer unabhängigen Begutachtung passiert hätten, der für eine hohe Qualität verbürge, meinte Christopher Loder, ein Sprecher von Pfizer (zu dem Wyeth inzwischen gehört) gegenüber Nature.

Auf Ghostwriter scheint der Hersteller aber weiterhin nicht zu verzichten. Nur würden heute die Autoren auf allen Ebenen in die Textgestaltung einbezogen, ließ die Firma mitteilen. © rme/aerzteblatt.de

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