NewsMedizinStudie: Langfristige Darmkrebsvorbeugung durch Low-Dose ASS
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Studie: Langfristige Darmkrebsvorbeugung durch Low-Dose ASS

Freitag, 22. Oktober 2010

Oxford – Die Einnahme von ASS könnte bereits in einer niedrigen Dosierung einem Darmkrebs vorbeugen. Dies ergab die Nachbeobachtung von Teilnehmern aus fünf randomisierten Studien im Lancet (2010; doi: 10.1016/S0140-6736(10)61543-7).

Die chemopräventive Wirkung war im proximalen Colon am stärksten, was eine Kombination mit der Sigmoidoskopie zur Darmkrebs­früherkennung nahelegen würde. Die Studie hat jedoch Einschränkungen.

In den 80er Jahren wurden zahlreiche randomisierte klinische Studien zur kardiovaskulären Prävention mit ASS durchgeführt. Bei fünf dieser Studien war es möglich, das Schicksal der Patienten nach dem Ende der Studie nachzuverfolgen. In vier Studien waren die Teilnehmer auf ASS oder Placebo (oder eine Kontrollgruppe) randomisiert worden: Die Dosis betrug im ASS-Arm des Thrombosis Prevention Trials und im Swedish Aspirin Low Dose Trial 75 mg/die. Im UK-TIA Aspirin Trial hatten die Probanden 300 oder 1200 mg/die und im British Doctors Aspirin Trial 500 mg/die erhalten. Im Dutch TIA Aspirin Trial waren 283 vs. 30 mg/die ASS verglichen worden. Dies war die einzige Studie ohne Kontroll-Arm.

Die Recherchen in den Sterberegistern oder den Krebsregistern ergaben, dass in den vier Studien ohne Kontrollgruppe während einer Nachbeobachtungszeit von 18,3 Jahren 391 von 14.033 Teilnehmern (2,8 Prozent) am Darmkrebs gestorben waren. Rothwell und Mitarbeiter errechnen – extrapoliert auf den Zeitraum von 20 Jahren – für die Darmkrebsinzidenz eine Hazard Ratio (HR) von 0,76 mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,60-0,96. Mit anderen Worten: Die Einnahme von ASS über 6 Jahre – dies war die mittlere Studiendauer – senkte die Darmkrebsinzidenz über 20 Jahre um 24 Prozent. Für die Sterblichkeit wurde sogar ein Rückgang um 35 Prozent ermittelt (Hazard Ratio 0,65; 0,48-0,88).

Die Ergebnisse waren in allen Studien konsistent und bereits bei einer Dosis von 75mg/die war die volle protektive Wirkung vorhanden (außer in der niederländischen Studie, in der die Darmkrebssterblichkeit unter 30mg/die ASS doppelt so hoch war wie unter 283 mg/die).

In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass die Einnahme von ASS über 5 Jahre das persönliche Risiko, an einem Darmkrebs zu sterben, von 3,5 Prozent auf etwa 1,5 Prozent senkt. Bei einer längeren Einnahme könnte der Schutzeffekt noch größer sein.

Hinzu kommt, dass ASS bevorzugt Darmkrebserkrankungen im proximalen Darm verhinderte: Bei einer Hazard Ration von 0,45 (0,28-0,74) für die Inzidenz und 0,34 (0,18-0,66) für die Darmkrebstodesfälle wurde mehr als die Hälfte aller Darmkrebsfälle und zwei Drittel aller Darmkrebstodesfälle verhindert. Nach Ansicht von Rothwell unterstützen diese Daten die aktuellen Pläne der britischen Regierung, die eine landesweite Darm­krebs­früh­erken­nung durch Sigmoidoskopie (und nicht wie in Deutschland durch eine Koloskopie) plant.

Nach Einschätzung der Editorialisten Robert Benamouzig und Bernard Uzzan von der Avicenne Klinik in Bobigny/Paris weist die Studie allerdings Einschränkungen auf. Abgesehen davon, dass Krebserkrankungen nicht zu den primären Endpunkten der ursprünglichen Studien gehörte (was keine große Rolle gespielt haben mag, da die Endpunkte nicht die Dokumentation und den Zeitraum der Studien betreffen), machen Rothwell und Mitarbeiter keine Angaben zur Gesamtsterblichkeit, die sie aus ihren Quellen, den Sterberegistern, leicht hätten extrahieren können.
 

Anzeige

Es ist möglich, dass dem verminderten Sterberisiko an Darmkrebs ein erhöhtes Sterberisiko an gastrointestinalen Blutungen infolge von ASS gegenübersteht. Vorstellbar ist auch, dass Nachuntersuchungen aufgrund von Magen-Darmbeschwerden infolge von ASS in Einzelfällen zu einer früheren Diagnose von Darmkrebs geführt haben. Benamouzig und Uzzan weisen auch auf eine beträchtliche Abbruchrate in den Studien hin, und schließlich würden die Ergebnisse streng genommen nur für Personen mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko gelten, die für die Teilnahme an den Studien ausgewählt wurden.

Klären ließen sich die Einwände nur durch eine erneute prospektive Studie, die aber derzeit nicht in Sicht ist. Kürzlich hatte jedoch eine prospektive Kohortenstudie ebenfalls auf eine protektive Wirkung hingewiesen (JAMA 2009; 302: 649-658): Forschern der Harvard Universität war aufgefallen, dass die Einnahme von ASS nach einer Darmkrebsdiagnose in den Folgejahren mit einer niedrigeren Rate von Gesamttodesfällen (35 vs. 39 Prozent; Hazard Ratio 0,71) und Darmkrebstodesfälle (15 vs. 19 Prozent; Hazard Ratio 0,79) assoziiert waren.

© rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #92972
mediko
am Samstag, 23. Oktober 2010, 08:04

Irrweg !

Wann wird sich denn mal die Erkenntnis durchsetzen, dass es grundsätzlich ein Irrweg ist, "präventiv" gegen EINE bestimmte Krebsart ein eigenes Arzneimittel einzunehmen - wenn es denn überhaupt theoretisch funktionieren sollte, müsste man dies dann ja möglichst früh und über -zig Jahre einnehmen. --- Einmal gesetzt den Fall, so etwas würde funktionieren: Was machen wir denn, wenn es so tolle Arzneimittel dann irgendwann in größerer Zahl geben würde "gegen Magen-, Darm-, Pankreas-, Nieren-, Blasen-, Lungen-, Knochen- etc. etc. -Krebs"? Sollen wir dann "prophylaktisch" gesunden Menschen (!!!) empfehlen, vom 25. bis zum 75. Lebensjahr durchgehend 5 oder 7 oder 12 verschiedene Medikamente einzunehmen ?
Die Wahrscheinlichkeit von Arzneimittel-Neben- und Wechselwirkungen würde rasch gegen 100% gehen, und es blieben ja wohl doch immer noch ein paar Krebsarten über ...
Also: Eigentlich sollten ernstzunehmende medizinische Zeitschriften Artikel grundsätzlich zurückweisen, die davon handeln, mit dem Arzneimittel X den Krebs Y verhindern zu können - das ist schlicht und einfach Unsinn, jedenfalls so lange, wie wir nicht mit großer Sicherheit und routinemäßig aus dem Kaffeesatz oder dem Genom vorhersagen können, wer denn irgendwann mal welchen Krebs kriegen würde. Meines Wissens sind wir davon noch ziemlich weit entfernt ...
LNS

Nachrichten zum Thema

8. Oktober 2019
Bremen – Scharfe Kritik an einer Empfehlung im British Medical Journal (BMJ) zum Darmkrebsscreening hat das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) geübt. In dem Beitrag
Präventionsforscher betonen Bedeutung des Darmkrebsscreenings
30. September 2019
Salzgitter – Die Politik dringt darauf, dass Untersuchungen zur Früherkennung schwerer Krankheiten mittels Computertomografie (CT), die rechtlich unzulässig sind, nicht weiter angeboten werden dürfen.
Computertomografie: Illegale Angebote zur Früherkennung müssen verschwinden
27. September 2019
Heidelberg – Die Genetik spielt beim familiär erhöhten Darmkrebsrisiko offenbar eine weniger wichtige Rolle als bislang angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine epidemiologische Studie des Deutschen
Beim familiären Darmkrebsrisiko werden die Gene überschätzt
17. September 2019
Salzgitter – Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat das Angebot von Arztpraxen und Krankenhäusern für Früherkennungsuntersuchungen mittels Computertomografie (CT) scharf kritisiert.
Bundesamt kritisiert angebotene Früherkennungsuntersuchungen mit Computertomografie als rechtswidrig
10. September 2019
Berlin – Die Prävention und Früherkennung von Krebserkrankungen sowie die Forschung zum Thema sollen künftig einen viel höheren Stellenwert erhalten. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn und
Offensive zur Krebsprävention
21. August 2019
Heidelberg – Der nach der Bluttest-Affäre freigestellte Justiziar des Heidelberger Universitätsklinikums ist vor dem Arbeitsgericht gescheitert. Der Leiter der Rechtsabteilung des Klinikums, Markus
Justiziar der Heidelberger Uniklinik scheitert vor Arbeitsgericht
15. August 2019
Chapel Hill – Epigenetische Veränderungen könnten erklären, weshalb die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) bei einigen Brustkrebspatientinnen mit einem längeren Überleben verbunden ist, bei anderen
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER