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Medizin

Glykämischer Index als Rezept gegen die Adipositas

Donnerstag, 25. November 2010

Kopenhagen – Eine niedrige glykämische Last ist möglicherweise das Rezept, um die Gewichtsreduktion nach einer Diät langfristig zu halten. Dies zeigen die Ergebnisse des Diet, Obesity, and Genes (Diogenes) Project, die jetzt im New England Journal of Medicine (2010; 363: 2102-2113) veröffentlicht wurde.

Das von der EU gesponserte Diogenes-Projekt bezeichnet sich selbst als die weltweit größte Diät-Studie. In acht Ländern (Deutsche Beteiligung: Potsdam) nahmen 772 Familien mit mindestens einem gesunden Kind und mindestens einer adipösen Person teil.

In der ersten Phase wurde das adipöse Familienmitglied für acht Wochen auf eine strenge Reduktionsdiät (800 kcal/die) gesetzt, die auch erfolgreich war. Der Gewichtsverlust betrug im Durchschnitt 11 kg. Da bekannt war, dass diese Erfolge meistens nur von kurzer Dauer sind, schloss sich eine 26-wöchige Studienphase an, an der die gesamte Familie teilnahm. 

Alle wurden zu einer Ernährung mit einem niedrigen Protein-Gehalt und/oder einem niedrigen glykämischen Index angehalten. Beide Komponenten wurden in einem „two-by-two factorial design“ in den vier möglichen Kombinationen verglichen. Eine fünfte Gruppe wurde nur angehalten, sich gesund und kalorienarm zu ernähren.

In dieser Gruppe nahmen die adipösen Teilnehmer innerhalb eines halben Jahres wieder um 1,5 kg zu und es ist zu befürchten, dass sie auf absehbare Zeit ihr Ursprungsgewicht wieder erreichen, wenn sie nicht noch darüber hinaus an Gewicht zulegen.
 

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Auch in drei der vier Diätkombinationen kam es zu einer Gewichtszunahme. Die einzige Ausnahme war die Kombination aus einem hohen Proteingehalt (25 Prozent der Gesamtenergie) und einem niedrigen glykämischen Index. Nur diese Gruppe konnte die erzielte Gewichtsreduktion halten, wie Thomas Meinert Larsen von der Universität Kopenhagen und Mitarbeiter jetzt berichten.

Der glykämische Index ist ein Konzept der Diabetes-Forschung. Er umschreibt die Geschwindigkeit (genauer das Zeitintegral), mit dem eine bestimmte Menge Kohlenhydrate aus Nahrungsmitteln vom Darm resorbiert wird.

Die glykämische Last berücksichtigt außerdem den Kohlenhydratgehalt der Nahrung: Eine hohe glykämische Last hat Baguette-Brot, während Möhren ein einen günstigen niedrigen Wert aufweisen. Ein niedriger glykämischer Index ist für Diabetiker wichtig, da er die Insulinmenge, die zur Stabilisierung des Blutzuckers benötigt wird, begrenzt.

Ein Nebeneffekt ist ein längeres Sättigungsgefühl. Ob dies adipösen Menschen hilft, ihr Körpergewicht niedrig zu halten, war bei Ernährungswissenschaftlern umstritten. Die Deutsche Gesellschaft hatte sich 2004 in einer Stellungnahme skeptisch geäußert.

Dies könnte sich nach der jetzigen Publikation – vielleicht – ändern. Die Einschränkung ergibt sich aus der vielleicht doch zu kurzen Laufzeit der Studie von nur einem halben Jahr, finden die Editorialisten David Ludwig und Cara Ebbeling von der Harvard Medical School in Boston (NEJM 2010; 363: 2159-2161).

In früheren Untersuchungen waren viele Teilnehmer in den ersten beiden Jahren rückfällig geworden. Es ist deshalb nicht auszuschließen, dass die Diät aus Rohkost und kalten Gerichten den Teilnehmern auf die Dauer nicht schmeckt. Zu den Ernährungstipps, die Arne Astrup von der Universität Kopenhagen als “New Nordic Diet” propagiert, gehört neben dem Verzehr von Möhren, roter Beete und anderem Rohkostgemüse der Tipp, Kartoffeln “al dente” zu kochen und erst zu verzehren, wenn sie wieder kalt geworden sind, weil dies die Resorption der Kohlenhydrate verlangsame.

Immerhin scheinen die Freiheiten bei den Proteinen die Adhärenz zu fördern. Die Kontrolle der Stickstoffausscheidung im Harn zeigte, dass die Teilnehmer im Low-Protein-Arm nach den ersten vier Wochen langsam das Interesse verloren und sich immer weniger an die Empfehlungen hielten.

Wie wichtig die Einbeziehung der Familie ist, zeigt eine parallele Publikation in Pediatrics (2010; 126: e1143-e1152): Vor Beginn der Studie waren viele Kinder übergewichtig. Und obwohl sie keinen Diätregeln unterworfen waren, wirkten sich die gemeinsamen Mahlzeiten in der Familie positiv aus. Der Anteil der übergewichtigen Kinder fiel von 46 auf 39 Prozent.

© rme/aerzteblatt.de

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