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Medizin

Adipositas: Magen-Band in USA bald Massenware

Montag, 6. Dezember 2010

Washington – Während die bariatrische Chirurgie in Deutschland noch eine Randerscheinung ist, könnte das Tragen eines Magenbands in den USA bald zum Lebensstil gehören. Eine Gutachtertagung hat der Zulassungsbehörde FDA jetzt die Ausweitung der Indikation nahegelegt.

Bislang war die Zulassung für Lap-Band® des Herstellers Allergan auf Patienten mit einer morbiden Adipositas beschränkt: Menschen mit einem BMI von 40 oder 35 bei Vorliegen von Folgekrankheiten wie Typ-2-Diabetes mellitus sind auch in den USA die Ausnahme – von denen sich nach Auskunft der American Society for Metabolic and Bariatric Surgery jedoch im letzten Jahr bereits 220.000 einer Adipositaschirurgie unterzogen.

Künftig könnte die Zahl sehr stark ansteigen, denn nach Ansicht der externen Gutachter der FDA steht einer Ausweitung der Indikation auf einen BMI ab 35 – oder 30 bei Vorliegen von Folgekrankheiten – nichts im Wege.

Die Gutachter waren mit 8 gegen 2 Stimmen der Ansicht, dass die Vorteile größer sind als die Risiken, Das gleiche Votum erging zugunsten der Sicherheit von Lap-Band® und 8 gegen 1 Stimme waren der Ansicht, dass das Magenband wirksam ist.
 

Dabei hatte der Hersteller, gemessen an Arzneimittelstudien, einen eher bescheidenen Aufwand getrieben, um die Sicherheit und Wirksamkeit seines Produktes zu belegen. Gerade einmal 147 Patienten mit einem BMI zwischen 30 und 40 hatten sich im Rahmen der Studie seit 2007 einer Operation unterzogen, bei der die Chirurgen über einen laparoskopischen Eingriff den oberen Anteil des Magens soweit einschnürten, dass das Volumen deutlich verkleinert wird, was ein früheres Völlegefühl erzeugt und zu kleineren Mahlzeiten zwingt.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen: 84 Prozent der Teilnehmer verloren wenigstens 30 Prozent ihres Übergewichts,(„excess weight“), so die geschönten Zahlen der Pressemitteilung. In Wirklichkeit betrug die Reduktion des Gesamtgewichts 18 Prozent, was aber zur Folge hatte, dass 65 Prozent nach einem Jahr nicht länger als adipös eingestuft wurden.

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Aus medizinischer Sicht entscheidender ist, dass 85 Prozent der Teilnehmer sich am Ende der Studie von wenigstens einer Komorbidität befreit hatten. Bei Dyslipidämie, Typ-2-Diabetes mellitus oder Hypertension soll diese „Heilungsrate“ zwischen 22 und 33 Prozent gelegen haben, wie der Pressemitteilung des Herstellers zu entnehmen ist.

Die Tagungsunterlagen waren zum Berichtszeitpunkt noch nicht veröffentlicht und eine Publikation der Studie steht noch aus. Dort erfolgen dann erfahrungsgemäß noch Korrekturen nach unten. Unklar ist auch, ob die Patienten das Gewicht auf Dauer halten können. Einige könnten mit der Zeit lernen, wie sie das Magenband überlisten. Dies ist beispielsweise durch die konstante Zufuhr von Süßigkeiten möglich.

Lap-Band ist nicht frei von Nebenwirkungen. Vor allem in den ersten 4 Wochen kommt es des Öfteren zu Erbrechen, Dysphagie oder einem gastroösophagealen Reflux (GERD), von der sich die meisten Patienten jedoch erholen, wenn sie die erzwungenen Ernährungsgewohnheiten akzeptiert haben. Aber auch hier fehlen in der Pressemitteilung noch Zahlen.

Schätzungen liegen jedoch zum möglichen Patientenkreis vor. Der Hersteller meint, etwa 27 Millionen US-Amerikaner hätten einen BMI zwischen 30 und 35 plus wenigstens eine Komorbidität, die sie für ein Magenband qualifiziere.

Für die meisten dürfte es die einzige medizinische Therapie sein. Sieht man vom beschwerlichen Weg einer Reduktionsdiät ab, der in der Regel nicht erfolgreich ist. In den letzten Monaten hat die FDA mehrere Diätpillen abgelehnt, da mit ihnen meist nur eine Reduktion des Körpergewichts um weniger als 5 Prozent erzielt wird, die zudem mit Risiken verbunden sind.

Für den 7. Dezember 2010 ist eine Gutachtertagung zu einer weiteren Diätpille angesetzt. Die bereits von der FDA ins Netz gestellten Unterlagen lassen nicht unbedingt erwarten, dass Contrave®, eine Kombination aus Bupropion und Naltrexon, die Zustimmung erhalten wird.

Wann die FDA ihre Entscheidung zu Lap-Band trifft, ist unklar. Die Behörde ist nicht an das Gutachtervotum gebunden, richtet sich aber in der Regel danach. Da das Produkt bereits seit 2001 (für die engere Indikation) auf dem Markt ist, dürften einige US-Chirurgen die Entscheidung der FDA vorwegnehmen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #99598
Clemens-X
am Dienstag, 7. Dezember 2010, 12:19

Mach's-mir-Mentalität - oder "Bedieeeeenung bitte"

Das ist leider eine weit verbreitete Mentalität:
Statt Verantwortung für das eigene (Fehl-)Verhalten und dessen Folgen zu übernehmen, schreit man nach Therapie (=Bedienung).
Adipositas? -> Magenband
Depression? -> Pillen
...bitte beliebig ergänzen!

Andererseits ist dieses Verhalten durchaus auch von unserem kaputten Gesundheitssystem mitsamt der Medizinbranche erwünscht:
Eine Psychotherapie zu Adipositas oder Depression usw. ist sicher viel teurer und dauert länger (hilft dafür aber nachhaltiger) als "die schnelle billige Lösung".
Das nennt man dann Kostendämpfung. Oder: Degeneration im Gesundheitswesen - je nach Blickwinkel.

Clemens Hürten, Rottweil
LNS

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