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Medizin

Krebs: Mögliche Primär­prävention durch ASS

Dienstag, 7. Dezember 2010

Oxford – Schützt die tägliche Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) vor tödlichen Krebserkrankungen? Bereits in der niedrigen Dosierung von „Kardio-ASS“ kommt es einer neuen Analyse früherer kontrollierter Studien im Lancet (2010; doi: 10.1016/S0140-6736(10)62110-1) zufolge zu einer Reduktion der Krebssterblichkeit um ein Fünftel. Das Journal veranstaltete ein Medienspektakel – auf dem die Autoren dann ihre Ergebnisse relativierten.

Die Idee, dass die Einnahme von ASS nicht nur in akute entzündliche Prozesse eingreift, sondern langfristige protektive Wirkungen entfaltet, ist nicht neu. In den 80er Jahren wurden mehrere klinische Studien durchgeführt, die eine vorbeugende Wirkung gegen den Herzinfarkt belegten.

Es wurde aber auch erkannt, dass die Einnahme von ASS mit einem gewissen Risiko auf potenziell tödliche gastrointestinale Blutungen einhergeht, die den kardioprotektiven Vorteil bei Gesunden wieder aufhebt. ASS wird deshalb nur zur Sekundärprävention empfohlen für Patienten, die bereits ein kardiales Ereignis erlitten hatten.

Auch die Vermutung einer krebspräventiven Wirkung ist nicht neu. ASS wirkt der Bildung von Polypen im Dickdarm entgegen, die Vorläuferläsion des Kolonkarzinoms sind. Diese darmkrebspräventive Wirkung war erst kürzlich Gegenstand einer Publikation im Lancet (2010; 376: 1741-50).

Die Arbeitsgruppe von Peter Rothwell von der Universität Oxford war dort dem Schicksal der Teilnehmer aus fünf randomisierten Studien zur Kardioprotektion nachgegangen. Sie hatten festgestellt, dass Teilnehmer der ASS-Therapiearme in den folgenden 20 Jahren zu 35 Prozent seltener an Darmkrebs starben.
 

Es fehlten jedoch Angaben zur Gesamtsterblichkeit, die von den Zulassungsbehörden gefordert würden, sollte ein Hersteller sich um die Indikation einer Chemoprävention von Krebserkrankungen durch ASS bemühen.

Erst vor wenigen Tagen waren die Hersteller zweier 5alpha-Reduktase-Hemmer vor einem Gutachtergremium der FDA mit dem Wunsch gescheitert, die Wirkstoffe zur Chemoprävention des Prostatakarzinoms zuzulassen (Dutasterid) oder wenigstens in der Fachinformation auf die Studie (zu Finasterid) hinweisen zu dürfen, die eine solche Wirkung belegt. Die externen Gutachter lehnten dies ab, da ein Einfluss auf die Gesamtmortalität fehlt. Hinzu kam, dass die beiden Mittel die Rate von High-Grade-Tumoren erhöhten.

Bei ASS steht immer die Gefahr tödlicher gastrointestinaler Blutungen im Raum, die schnell den geringen Vorteil einer krebspräventiven Wirkung aufheben könnte. Eine Empfehlung zur Einnahme von ASS für die Gesamtbevölkerung ab dem 40. oder 50. Lebensjahr, wie sie Rothwell jetzt bei der Vorstellung seiner neuesten Ergebnisse anregte, dürfte es deshalb nicht geben. Immerhin: Die neue Auswertung auf der Basis von 25.570 Patienten – davon 12.659, bei denen das Schicksal über 20 Jahre recherchiert werden konnte – zeigt, dass ASS nicht nur eine darmkrebspräventive Wirkung hat.

Die Einnahme von ASS (während der mehrjährigen Studien aber nicht notwendigerweise danach) senkte das Sterberisiko an allen soliden Tumoren zusammengefasst um 20 Prozent (Hazard Ratio HR 0,80; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,72-0,88).

Die präventive Wirkung trat Rothwell zufolge bei Krebserkrankungen von Ösophagus, Pankreas, Gehirn und Lunge nach 5 Jahren ein, bei Magen- und Darmmalignomen nach 10 Jahren und beim Prostatakarzinom nach 15 Jahren: Die Einnahme über 20 Jahre senkt das Sterberisiko beim Prostatakarzinom um 15 Prozent, beim Lungenkrebs um 30 Prozent, beim Darmkrebs um 40 Prozent und beim Ösophaguskarzinom sogar um 60 Prozent – sofern die Nachforschungen der Autoren in den Krebsregistern zuverlässig und die dorthin gemeldeten Diagnosen richtig waren.

Was fehlt, sind Angaben zur Gesamtsterblichkeit, was Rothwell natürlich weiß. Die in der Publikation am Rande erwähnte, von den Medien sogleich aufgegriffene Reduktion der Gesamtsterblichkeit um etwa 10 Prozent (HR 0,92; 0,86–0,99), ist ein etwas windiger Nebenbefund, der nur für die ersten Jahre, später aber nicht mehr vorhanden war (HR nach 20 Jahren: 0,96; 0,90-1,02).

Ein Manko in der Beweisführung ist auch, dass keine Dosis-Wirkungsbeziehung erkennbar ist, die die Evidenz stützen würde. Gegenüber der Presse betonte Rothwell deshalb, dass seine Zahlen natürlich nur den prinzipiellen Beweis einer krebspräventiven Wirkung erbringe, der durch weitere randomisierte Studien geprüft werden müsse.

Diese Studien sind jedoch nicht in Aussicht. So wird sich die Evidenz weiterhin auf die Ergebnisse prospektiver Kohortenstudie stützen müssen, die wie kürzlich im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2009; 302: 649-658) auf eine Senkung der Gesamtsterblichkeit hinweisen, diese aber nicht belegen.

Wissenschaftlich interessant wären Untersuchungen, die einem möglichen Anstieg von Darmblutungen in Kliniken in den Monaten nach Medienereignissen dieser Art nachgingen. © rme/aerzteblatt.de

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