Medizin

Antipsychotika lassen das Gehirn schrumpfen

Dienstag, 8. Februar 2011

Iowa City – Unter der Behandlung mit Antipsychotika kommt es zu einer geringen, aber messbaren Verkleinerung des Gehirns. Dies kam in einer Langzeitstudie in den Archives of General Psychiatry (2011; 68: 128-137) heraus. Die klinische Bedeutung ist unklar.

Im letzten Jahr hatten Wissenschaftler des Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim herausgefunden, dass es innerhalb von zwei Stunden nach der Einnahme von Haloperidol zu einer Verkleinerung des Putamens kommt (Nature Neuroscience 2010; 13: 920–922).

Die Studie war an gesunden Probanden durchgeführt worden und die Effekte waren nach dem Absetzen des Wirkstoffs reversibel. Jetzt kommt Beng Choon Ho von der Universität in Iowa City zu dem Ergebnis, dass das gesamte Hirnvolumen von Schizophrenie-Patienten im Verlauf der Therapie abnimmt und dass dieser Rückgang mit der Dauer und der Dosis der antipsychotischen Therapie zunimmt, und zwar unabhängig von der Wahl des Medikamentes.

Der Forscher hat 211 Patienten mit einer kürzlich neu diagnostizierten Schizophrenie über die ersten 7,2 Jahre ihrer medikamentösen Therapie begleitet. Während dieser Zeit kam es zu einer geringen Abnahme des Hirnvolumens, wie die Auswertung der 674 kernspintomografischen Aufnahmen zeigt. Anders als in der Mannheimer Studie war die „Hirnschrumpfung“ nicht auf einzelne Regionen begrenzt.

Nach Angabe der Forscher sind die Veränderungen unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung und einem Missbrauch illegaler Drogen. Die Studie hatte aus ethischen Gründen allerdings keinen Placebo-Arm, so dass letzte Zweifel nicht ausgeräumt werden können.

Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass Rauchen oder andere Faktoren die Veränderungen erklären. Aus der Luft gegriffen erscheint die Hypothese indes nicht, da auch in tierexperimentellen Studien eine ähnliche Auswirkung beobachtet wurde.

Bei Affen kam es sogar zu einem Rückgang der Hirnmasse um 10 Prozent. In der klinischen Studie war er geringer. Die Antipsychotika erklärten 6,6 Prozent der Veränderungen im gesamten Hirnvolumen und 1,7 Prozent in der weißen Hirnsubstanz.

Ob die Veränderungen für die Patienten schädlich sind, lässt sich durch ein bildgebendes Verfahren allein nicht entscheiden. Für den Editorialisten David Lewis von der Universität Pittsburgh erscheint es nicht einmal ausgeschlossen, dass das Schrumpfen ein Anzeichen der therapeutischen Wirkung der Antipsychotika ist.

Die Maxime für die Ärzte müsse lauten, den Patienten zu behandeln und nicht die kernspintomographischen Befunde. Eine andere Maxime lautet jedoch, Medikamente in der niedrigsten wirksamen Dosis und nur solange wie notwendig einzusetzen und die Nutzen-Risiko-Balance nicht aus dem Auge zu verlieren. © rme/aerzteblatt.de

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Wneu
am Mittwoch, 9. Februar 2011, 20:45

Wissenschaft und Vernebelung

Da wird ausnahmsweise die Wirkung einer psychiatrischen Behandlung tatsächlich wissenschaftlich untersucht (per Kernspintomographie), und schon beginnen die Vernebelungsverfahren.
Ich habe noch keinen Orthopäden erlebt, der kernspintomographische Befunde mit der Rechtfertigung, dass ja der Patient zu behandeln sei, ignoriert hat. Für wissenschaftlich orientierte Ärzte gilt, dass das vorhanden ist, was gemessen wurde.
Das Schrumpfen des Gehirns an Anzeichen der therapeutischen Wirkung von Antipsychotika zu bezeichnen, wirft ein charakteristisches Licht darauf, wie wirr manche Zielsetzungen sind. Gehirntumore werden vom Chirurgen entfernt. Welchen therapeutischen Wert hat eine unspezifische Gehirnschrumpfung? Nun kenne ich einen Grund mehr, warum Psychiater in den USA oft als "shrinkheads" bezeichnet werden.
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