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Medizin

Laron-Syndrom: Kleinwüchsigkeit schützt vor Krebs und Diabetes

Freitag, 18. Februar 2011

Quito/Los Angeles – Ein Gendefekt im Rezeptor des Wachstumshormons führt beim Laron-Syndrom zwar zur Kleinwüchsigkeit. Die Betroffenen scheinen jedoch in hohem Maße resistent gegen Typ-2-Diabetes mellitus und Krebserkrankungen zu sein, wie eine Studie in Science Translational Medicine (2011: 3: 70ra13) zeigt. Die Autoren planen jetzt eine Studie mit einem bereits zugelassenen Antagonisten am Wachstumsrezeptor.

Seit mehr als 22 Jahren beobachtet der Mediziner Jaime Guevara-Aguirre aus Quito eine Gruppe von 99 Kleinwüchsigen aus einem ecuadorianischen Dorf. Es handelt sich vermutlich um Nachfahren von sogenannten conversos, sephardischen Juden aus Spanien, die in den 1490er Jahren zur Annahme des katholischen Glaubens gezwungen wurden und später nach Südamerika emigrierten.

Die Segregation der Bevölkerungsgruppe mag die Ursache dafür sein, dass sich die autosomal-rezessive Störung in der Dorfgemeinschaft ausbreiten konnte. Benannt ist sie nach dem israelischen Erstbeschreiber Zvi Laron. Ursache ist ein Defekt im Rezeptor für den Wachstumsfaktor.

Dies hat zur Folge, dass trotz kompensatorisch erhöhter Serumspiegel des Wachstumshormons in der Leber kein IGF-1 (insulin-like growth factor–1) gebildet wird. Neben der Kleinwüchsigkeit kommt es zu Störungen des Glukosestoffwechsels. Kennzeichnend sind niedrige Blutzuckerspiegel, aber auch das Fehlen einer Insulinresistenz – trotz einer stammbetonten Adipositas.

Patienten mit Laron-Syndrom sind als Kinder anfällig für Hypoglykämien. Als Erwachsene erkrankten sie aber niemals an einem Typ-2-Diabetes mellitus, wie Guevara-Aguirre berichtet. Auch eine Krebserkrankung ist bisher nur in einem einzigen Fall aufgetreten, während unter den Verwandten ohne Laron-Syndrom 5 Prozent an einem Typ-2-Diabetes mellitus und 17 Prozent an Krebs erkrankt sind. Auch Schlaganfälle traten bei Personen mit Laron-Syndrom seltener auf. Hier wurde aber bisher keine statistische Signifikanz erreicht.

Das Fehlen von typischen Alterserkrankungen bei den Patienten erregte die Aufmerksamkeit des Forschers Valter Longo von der Universität von Südkalifornien in Los Angeles. Longo vermutet, dass der Mangel von IGF-1 ein Schlüssel für ein längeres Leben sein könnte.

IGF-1 ist ein entwicklungsgeschichtlich sehr altes Hormon. Sein Rezeptor ist bereits beim Fadenwurm Caenorhabditis elegans vorhanden. Er wird dort als DAF-2 bezeichnet, und die Blockierung von DAF-2 verlängert bei den Würmern die Lebensspanne beträchtlich.

Longo vermutet deshalb, dass der Gendefekt beim Laron-Syndrom die gleiche Wirkung haben könnte. Die niedrige Rate von Krebs und Diabetes würde dies plausibel erklären. Longos Laboruntersuchungen zeigen, dass das Serum von Personen mit Laron-Syndrom die Zahl von DNA-Brüchen in Zellen vermindert und bei einer Zellschädigung die Apoptose aktiviert, also jene “Selbstreinigung” komplexer Organismen in Gang setzt, die maligne Zellen rechtzeitig beseitigt.

Das Serum der Personen mit dem Defekt im Wachstumshormonrezeptor senkte auch die Expression von Onkogenen wie RAS, Proteinkinase A und TOR. Außerdem kam es zu einer vermehrten Bildung von Superoxid-dismutase 2, das in den Zellen schädliche Sauerstoffradikale eliminiert. Longo konnte schließlich zeigen, dass Personen mit Laron-Syndrom ihren Blutzucker tatsächlich mit geringen Insulinmengen regulieren.

Dies alles bestätigt für Longo die Bedeutung, die eine Blockade von IGF-1 für die Vermeidung von chronischen Erkrankungen haben könnte. Daran knüpft sich natürlich die Hoffnung auf Medikamente, die die Lebensphase verlängern könnten.

Tierversuche von John Kopchick von der Ohio University und Andrzej Bartke von der Southern Illinois University haben ergeben, dass die Lebensphase von Mäusen durch das Ausschalten des Rezeptors um 40 Prozent verlängert werden könne. Bei den Mäusen wird dies durch ein genetisches “Knock-out” erzielt.

Beim Menschen könnte der Wirkstoff Pegvisomant die gleiche Wirkung haben, hofft Longo. Pegvisomant ist ein Antagonist am Rezeptor des Wachstumshormons und (in Deutschland seit 2002) zur Behandlung der Akromegalie zugelassen. Longo hofft jetzt, dass die FDA einer ersten klinischen Studie zustimmt. Teilnehmer sollen Krebspatienten sein, die eine Chemotherapie erhalten.

Die eigentliche Zielrichtung ist aber die Anti-Aging-Medizin. Pegvisomant könnte auch bei gesunden älteren Menschen die Lebensphase verlängern. Ob dies zutrifft, lässt sich schwer vorhersagen. Die erhöhte Rate von Hypoglykämien mag hier ein Warnzeichen sein. Die Dorfbewohner in Ecuador mit Laron-Syndrom leben jedenfalls nicht länger als ihre Verwandten.

Die Forscher vermuten, dass das psychische Trauma durch die Kleinwüchsigkeit dafür verantwortlich sei. Es gebe mehr Todesfälle durch Drogenmissbrauch und Unfälle. Die Kleinwüchsigkeit beim Laron-Syndrom kann heute übrigens verhindert werden, wenn die Kinder rechtzeitig mit synthetischem IGF-1 behandelt werden. © rme/aerzteblatt.de

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