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Medizin

Ibuprofen könnte vor Parkinson schützen

Donnerstag, 3. März 2011

Boston – Die Einnahme von Ibuprofen, nicht aber von Paracetamol, ASS oder anderen nichtsteroidalen Antiphlogistika war in zwei prospektiven Studien in Neurology (2011; doi: 10.1212/WNL.0b013e31820f2d79) mit einer niedrigeren Erkrankungsrate am Morbus Parkinson assoziiert. Eine Indikation zur Prävention der degenerativen Hirnerkrankung lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.

Frühere kleinere Untersuchungen hatten darauf hingedeutet, dass antientzündliche Medikamente möglicherweise einem Morbus Parkinson vorbeugen. In diesen Studien war allerdings nicht zwischen den einzelnen Wirkstoffen unterschieden worden. Da die Erkrankung relativ selten ist und sich erst über Jahrzehnte entwickelt, erfordern derartige detaillierte Untersuchungen eine große Teilnehmerzahl und eine relativ lange Beobachtungszeit.

Diese Bedingungen sind am ehesten in den beiden prospektiven Kohorten der Harvard-Universität möglich. Während einer Nachbeobachtungszeit von 6 Jahren waren 135 von etwa 99.000 Teilnehmerinnen der Nurses' Health Study und 135 von etwa 37.000 Teilnehmern der Health Professionals Follow-Up Study an einem Morbus Parkinson erkrankt.

Die Analyse von Xiang Gao von der Harvard School of Public Health in Boston ergab nun überraschenderweise, dass allein die Einnahme von Ibuprofen mit einer verminderten Rate von Erkrankungen assoziiert war. Eine mögliche Erklärung könnte nach Ansicht von Gao darin liegen, dass Ibuprofen, aber nicht die anderen untersuchten Wirkstoffe im Gehirn am Peroxisom-Proliferator-aktivierten Rezeptor (PPAR) gamma angreifen.

Hierfür gebe es auch Hinweise aus tierexperimentellen Studien. Falls Gao Recht hat, dann sollten auch die Diabetesmedikamente Rosiglitazon und Pioglitazon eine ähnliche Wirkung haben, was aber in der Studie nicht untersucht wurde.

Für Ibuprofen ermittelte Gao nach Berücksichtigung einiger anderer potenzieller Risikofaktoren wie Alter, Rauchen und Koffein ein relatives Risiko (RR) von 0,62 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,42-0,93). Dies würde bedeuten, dass die langfristige Einnahme von Ibuprofen das Risiko an einem Morbus Parkinson zu erkranken um 38 Prozent senken könnte.

In einer Meta-Analyse, in die weitere Studien einflossen, sank die mögliche protektive Wirkung auf 27 Prozent (RR: 0,73; 0,63-0,85). Diese Abschwächung mag ein Hinweis darauf sein, dass die Ergebnisse von prospektiven Beobachtungsstudien nicht unbedingt für bare Münze genommen werden dürfen.

Es bleibt immer die Möglichkeit, dass ein anderer unbekannter Faktor, der mit der Einnahme von Ibuprofen assoziiert ist, für die protektive Wirkung verantwortlich ist. Die Erfahrung zeigt, dass die Ergebnisse aus prospektiven Beobachtungsstudien sich oft nicht in randomisierten Studien reproduzieren lassen.

Eine präventive Einnahme müsste außerdem über viele Jahrzehnte erfolgen. Da die Nebenwirkungen auch die Mehrheit der Menschen treffen würde, die auch ohne Ibuprofen niemals an einem Morbus Parkinson erkranken würden, könnten Nutzen-Risiko-Abwägungen schnell negativ ausfallen.

Das auch rezeptfrei erhältliche Ibuprofen ist zwar gut verträglich, gastrointestinale Blutungen sind jedoch nicht ausgeschlossen. Ungeklärt ist auch, ob Ibuprofen Patienten nutzt, die bereits an einem Morbus Parkinson erkrankt sind. Es ist möglich, dass die Einnahme dann zu spät kommt.

Klären ließe sich dies ebenfalls nur durch randomisierte klinische Studien, die wegen des langsamen Verlaufs der Erkrankung langwierig und kostspielig sind und deshalb möglicherweise niemals zustande kommen werden. © rme/aerzteblatt.de

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