Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Teststreifen bei nicht insulinpflichtigen Diabetikern von der Erstattung ausgeschlossen

Donnerstag, 17. März 2011

Berlin – Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland übernehmen künftig nicht mehr die Kosten für Harn- und Blutzuckerteststreifen bei Typ-2-Diabetiker, die kein Insulin spritzen müssen.

Das hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) heute entschieden. Patienten, die auf Insulin angewiesen sind, erhalten weiterhin die Teststreifen.

Außerdem können Ärzte sie den Patienten verordnen, bei denen sie eine Blutzucker-Selbstkontrolle wegen einer instabilen Stoffwechsellage für sinnvoll halten. Dies könnte beispielsweise bei der Umstellung auf ein neues Präparat oder bei multimorbiden Patienten indiziert sein.

„Die Ausnahmen sind bewusst so gewählt, dass der Arzt in der Verantwortung ist, dies zu beurteilen", erklärte Rainer Hess, unparteiischer Vorsitzender des G-BA. Noch nicht zufriedenstellend sei jedoch das Problem von Personen gelöst, die beruflich zu einer selbständigen Kontrolle ihres Blutzuckers gezwungen seien.

Davon sind beispielsweise Berufskraftfahrer betroffen, die bei einer entsprechenden Medikation verpflichtet sind, regelmäßig ihren Blutzuckerspiegel zu überprüfen. „Das ist allerdings eine Maßnahme zur Verkehrssicherheit, und diese kann nicht zulasten der GKV abgerechnet werden", so Hess. Hier sei zu prüfen, in wie weit andere Kostenträger einspringen müssen, was aber nicht in die Entscheidungskompetenz des G-BA falle.

Im Vorfeld der G-BA-Entscheidung hatte der Spitzenverband Bund der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) für einen Ausschluss aus dem Leistungskatalog plädiert.

„Die Blut- und Urinzuckerselbsttestung nützt vor allem den Herstellern solcher Teststreifen und nicht den nicht-insulinpflichtigen Typ-2-Diabetikern“, so der Spitzenverband Bund. Wolfgang Kaesbach, Arzneimittelexperte beim Spitzenverband, wies darauf hin, dass auch Blutzuckertestgeräte nur für insulinpflichtige Patienten zugelassen seien.

„Die Teststreifenhersteller haben sich dann gedacht, 'wir verschenken die Geräte und schauen dann, ob die Krankenkassen die Teststreifen bezahlen' - was wir ja dann auch reichlich getan haben”, so Kaesbach. Jetzt müsse man das wieder zurückdrehen.

Grundlage der Entscheidung ist eine Bewertung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Die Wissenschaftler hatten sechs Studien zur Blutzuckerselbstkontrolle ausgewertet und keine positiven Auswirkungen auf Morbidität und Mortalität gefunden.

Betroffene Patienten müssen nicht sofort auf die Teststreifen verzichten. Der Beschluss tritt frühestens im vierten Quartal 2011 in Kraft.

Patientenorganisationen hatten im Vorfeld gefordert, die Krankenkassen sollten die Teststreifen weiter bezahlen. Gerade für Senioren seien die Selbsttests sehr wichtig, weil sie sich durch die Messungen sicherer fühlten, hieß es vom Deutschen Diabetikerbund.

Thomas Danne, Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG), kritisierte die Entscheidung des G-BA: „Zum einen halten wir das zugrundeliegende IQWiG-Gutachten für unzureichend." Zum anderen sei die Blutzuckerselbstkontrolle ein unverzichtbarer Bestandteil einer strukturierten Diabetesschulung und stärke den selbstverantwortlichen Umgang der Patienten mit ihrer Erkrankung.

„Der G-BA nimmt den Patienten mit diesem Entscheid das einzige Mittel der persönlichen Schadensbegrenzung im Fall einer drohenden oder bereits eingetretenen Unterzuckerung aus der Hand", so Danne. Darüber hinaus sei die Ausnahmeregelung nicht ausreichend, da instabile Stoffwechsellagen durch die Bestimmung der Langzeit-Blutzuckerwerte in den Praxen nicht feststellbar seien.

Michaela Berger, Vorstandsmitglied des Verbandes der Diabetes- Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD), erklärte, dass die Blutzuckermessung helfe das Selbstmanagement zu stärken und die Selbstverantwortung zu fördern. „Ein Großteil unserer Patienten könnte eine fehlende Kostenübernahme für die Teststreifen auch missverstehen und daraus schließen, dass die Blutzuckerselbstmessung überflüssig ist“, warnte Berger. „Das wäre ein fatales Signal an unsere Patienten.“

Der Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH) stellt das Prüfverfahren des G-BA und des IQWIG infrage: Die Teststreifen seien wie ein Arzneimittel beurteilt worden, obwohl es sich dabei um ein diagnostisches Mittel handle, kritisierte der VDGH.

„Der Patient kann ohne Blutzuckerselbstkontrolle nicht mehr überprüfen, ob er seinen Lebensstil gesundheitlich optimieren muss und ob beispielsweise Diäten oder Bewegungsprogramme den gewünschten Erfolg bringen", erklärte der VDGH-Geschäftsführer, Martin Walger. „Er tappt also im Dunkeln. Dem behandelnden Arzt fehlt ohne die Testergebnisse eine wichtige Grundlage zur Therapieanpassung.”

Jährlich werden bundesweit 1,2 Milliarden Euro mit Blutzucker-Teststreifen umgesetzt. 900 Millionen Euro davon werden bislang als Kassen-Leistung abgerechnet. Eine Packung mit 50 Teststreifen kostet gut 30 Euro.

Delegation ärztlicher Leistungen
Darüber hinaus hat der G-BA in seiner Sitzung am Donnerstag in Berlin das Stellungsverfahren für Richtlinien eingeleitet, welche ärztlichen Tätigkeiten von anderen Heilberufen übernommen werden können, und welche Qualifikationen dafür notwendig sind. „Wir haben entschieden, dass der Arzt für die Diagnostik und Indikationsstellung verantwortlich ist”, erklärte Hess. „Die Pflegeberufe setzen dann aber selbständig in Abstimmung mit den Ärzten die Versorgung um.” Dabei sei es dann auch irrelevant ob man von Substitution oder Delegation spreche, betonte der G-BA-Vorsitzende.

Während sich die Bänke im Bundes­aus­schuss auf diese generelle Linie einigen konnten, gibt es unterschiedliche Auffassungen über den Katalog der ärztlichen Tätigkeiten, die von den Pflegeberufen selbständig ausgeführt werden dürfen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft und die Kassenärztlichen Bundesvereinigung haben gemeinsam eine Liste von circa 40 ärztlichen Tätigkeiten erarbeitet, die an das Pflegepersonal übertragen werden können. Der GKV-Spitzenverband hat hingegen Indikationen vorgeschlagen, die weitgehend selbstverantwortlich von den Pflegeberufen versorgt werden sollen. Darunter fallen Diagnosen, wie Diabetes, chronische Wunden und Demenz.

Die Richtlinie wird nicht die Delegation und Substitution ärztlicher Tätigkeiten in der Regelversorgung regeln, sondern zunächst nur innerhalb von Modelprojekten. Das Stellungnahmeverfahren soll innerhalb von zwei Monaten abgeschlossen sein, sodass noch vor der Sommerpause eine Beschlussfassung vorliegen könnte, erklärte Hess. © hil/mei/aerzteblatt.de

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Alternativmed
am Sonntag, 20. März 2011, 12:12

Es gäbe intelligentere Einsparmöglichkeiten als bei der Vorsorge zu sparen

denn bei Patienten muss das als Signal verstanden werden, dass er selbst entweder volldiszipliniert leben muss - wer macht das in der Praxis schon mit der erforderlichen Konsequenz - oder aber in Diziplinlosigkeit abgleitet, weil er die Folgen der Disziplinlosigkeit nicht mehr als warnenden Messwert täglich vorgeführt bekommt. Die Zahl insulinpflichtiger Diabetiker wird sich zwangsläufig weiter erhöhen und die Kosten werden langfristig steigen. Letztlich verdienen dann aber Andere als die Teststreifenhersteller, auch das sollte hinterfragt werden.
mediko
am Freitag, 18. März 2011, 00:45

@ dr.med.thomas.g.schaetzler "Googlen Sie mal ..."

... wieder mal ein groooßartiger Beitrag von unserem Dr. med. Schwätzer ...
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 17. März 2011, 23:11

Googlen Sie mal "Blood Sugar Test Strips" ... and You can say You to me!

... Sie bekommen 1.820.000 Ergebnisse und werden Ihr Blaues Wunder erleben. Bei allen Treffern, selbst bei Wikipedia, werden Sie (un)sanft auf "Blood Glucose" hingewiesen.

Was der G-BA und peinlicherweise auch das IQWiG als "wissenschaftlichen Beweis" nimmt, dass Blut g l u c o s e messungen der Patienten selber bei Diabetes mellitus keinen Nutzen haben, lässt sich allein damit entkräften, dass bereits Metabolische Syndrome mit verringerter Glucosetoleranz und beginnender Insulinresistenz dedektiert werden können.

Die Selbstmessungen stärken die Autonomie, das Selbstvertrauen und die Eigenverantwortung unserer oft hochbetagten Diabetikerinnen und Diabetiker. Gleichzeitig ermöglichen sie eine partnerschaftliche Ergänzung zum Diabetes-Monitoring und der HbA1c-Messung in der Praxis nicht nur im Rahmen der DMP's Diabetes mellitus. Der vorzeitige Einsatz von Insulin und seine metabolischen Adipositasfolgen könnte unter Berücksichtigung moderner oraler Antidiabetika (OAD) und differenzierter Beobachtung der Blutglucose-Tagesprofile verhindert werden.

Wenn 900 Mio. Euro jährliche GKV-Kassenleistung nur für Teststreifen erbracht wird, sind das 25,7 Mio. Packungen á 35 Euro. Sie stellen einen jährlichen Verbrauch von 1,286 M i l l i a r d e n Glucose-Teststreifen zu Lasten der GKV dar. Zusätzlich werden angeblich noch weitere 429 Mio. Teststreifen privat gekauft. Dann ist es nur konsequent für die GKV-Kassen, den G-BA und die KBV: Macht die Glucose-Teststreifen billiger und produziert sie in Eigenregie!

Und wenn die "Kollegen" des G-BA, der GKV-Kassen, der KBV und der BÄK zwischen dem Disaccharid Saccharose (Sucrose) und dem Monosaccharid Glucose zu differenzieren gelernt haben, kann ich nur Altbundeskanzler, Dr. jur. Helmut Kohl, zitieren, was Sie dann Alle dürfen:
"You can say You to me".

Freundliche, kollegiale Grüße, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Fachgebiet

Anzeige

Themen suchen

A
Ä
B
C
D
E
F
G
H
I
K
L
M
N
O
Ö
P
Q
R
S
T
U
Ü
V
W
Y
Z
Suchen

Weitere...

Login

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort

newsletter.aerzteblatt.de

Newsletter

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterher zu rennen: Der tagesaktuelle Newsletter

Aktuelle Kommentare

Archiv

RSS

RSS

Die aktuellsten Meldungen als RSS-Feed. Mit einer geeigneten Software können Sie den Feed abonnieren.

Anzeige