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Medizin

Insektizide: Niedriger IQ nach pränataler Exposition

Donnerstag, 21. April 2011

Chapel Hill/New York City/Berkeley – Insektizide aus der Gruppe der Organophosphate können möglicherweise die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen. In Environmental Health Perspectives (EHP) bringen gleich mehrere Gruppen die pränatale Exposition mit einer verminderten Intelligenz von Kindern im Grundschulalter in Verbindung.

Organophosphate töten Insekten durch die Hemmung des Enzyms Acetylcholinesterase. Sie unterbrechen die Signalübertragung zwischen Nervenzellen beziehungsweise zwischen Nerven- und Muskelzellen. Es handelt sich folglich um Nervengifte, die auch für den Menschen nicht unbedenklich sind.

Die Anwendung von Chlorpyrifos und Diazinon im Consumer-Bereich wurde in den USA deshalb in den letzten Jahren verboten. In Deutschland ist Chlorpyrifos in gängigen Schädlingsbekämpfungsmitteln enthalten. Diazinon, als Nachfolgeprodukt für DDT entwickelt, ist in Deutschland nicht zugelassen. Organophosphate sind plazentagängig und können deshalb auf die pränatale Entwicklung des Gehirns wirken.

Wegen des häufigen Einsatzes in der Landwirtschaft ist die Exposition in ländlichen Regionen besonders hoch. Dies zeigte sich auch in der Center for the Health Assessment of Mothers and Children of Salinas oder CHAMACOS-Studie. Sie wurde in der Umgebung von San Francisco durchgeführt, wo unter hohem Einsatz von Insektiziden Obst und Gemüse angebaut wird.
 

Im Urin der werdenden Mütter wurden 1999 regelmäßig Dialkylphosphate (DAP) nachgewiesen, ein Abbauprodukt vieler Organophosphate. Ihre Kinder werden seither regelmäßig untersucht. Sie haben inzwischen das Grundschulalter erreicht, und die jüngste Auswertung von Maryse Bouchard von der Universität von Berkeley in Kalifornien und Mitarbeitern zeigt, dass die pränatale Exposition mit schlechteren Ergebnissen im Intelligenztest einhergeht.

Die Kinder von Schwangeren im obersten Quintil der DAP-Exposition hatten einen um 7 Punkte niedrigeren IQ-Wert im Wechsler Intelligence Scale for Children, was nicht nur signifikant ist, sondern auch für die schulischen Leistungen relevant sein dürfte. Die Assoziation erwies sich als robust. Sie war nicht auf Unterschiede in der Erziehung, Familieneinkommen oder der Exposition gegenüber anderen Umweltgiften zurückzuführen (EPH 2011; doi: 10.1289/ehp.1003185).

Doch nicht nur die Landbevölkerung ist gefährdet. In den USA war vor dem Verbot in Komsumartikeln Chlorpyrifos ein weit verbreiteter Wirkstoff in Mitteln gegen Ungeziefer. Vor allem die Bewohner von Altbauten im Innenstadtbereich waren exponiert. Virginia Rauh von der Columbia Universität in New York begleitet eine Gruppe von Kindern, die vor der Geburt mit Chlorpyrifos exponiert waren, wie die Untersuchung von Nabelschnurblut ergeben hatte.

Frühere Untersuchungen hatten bereits belegt, dass die Kinder im Alter von 12, 24 und 36 Monaten Defizite in der kognitiven und motorischen Entwicklung aufwiesen (Pediatrics 2006; 118: e1845-e1859). Die neue Untersuchung dokumentiert eine negative Auswirkung auf den Intelligenzquotienten im Alter von 7 Jahren: Das Viertel der Kinder mit der höchsten Chlorpyrifos-Konzentration im Nabelschnurblut hatte im Alter von 7 Jahren einen im Durchschnitt um 5,3 Punkte niedrigeren IQ-Wert im Wechsler Intelligence Scales for Children (EHP doi: 10.1289/ehp.1003160).

Ob die Organophosphate die Entwicklung der Kinder schädigen, wird von Genen beeinflusst, wie Stephanie Engel von der University of North Carolina in Chapel Hill berichtet. Ein Drittel aller US-Amerikaner ist Träger eines Genotyps, das die Wirkung des Enzyms Paraoxonase 1 herabsetzt. Dieses Enzym ist im Körper für den Abbau von Organophosphaten zuständig.

Die jüngste Untersuchung der Forscherin zeigt nun, dass die negativen Auswirkungen auf die pränatale Entwicklung auf die Trägerinnen dieses Genotyps beschränkt waren (EHP doi: 10.1289/ehp.1003183).

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© rme/aerzteblatt.de

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