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Ärzteschaft

Heilmittel­verordnung: Ohne Rezept zum Physio­therapeuten

Donnerstag, 12. Mai 2011

Berlin – Patienten sollen auch die Möglichkeit haben, bei Beschwerden direkt einen Physiotherapeuten aufzusuchen, wenn sie es wollen. Dies forderte am Donnerstag Heinz Christian Esser, Geschäftsführer des Zentral­verbands der Physiothera­peuten/Kranken­gymnasten (ZVK), bei einer Diskussionsrunde im Vorfeld des Tages der Niedergelassenen in Berlin.

Angelika Prehn, Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin, widersprach ihm: „Es sollte sich auch immer ein Arzt den Patienten ansehen. Hat der Patient noch weitere Erkrankungen oder bekommt möglicherweise blutverdünnende Mittel, könnten einige Behandlungen des Physiotherapeuten für ihn ungeeignet sein.“

Deshalb sei es wichtig, dass Arzt und Physiotherapeut zusammenarbeiten. Esser betonte, dass es auch viele Patienten gebe, die nicht multimorbide seien und nur wegen einer Zerrung vom Sport oder ähnlichem zum Physiotherapeuten kämen.

„Diese Patienten warten dann drei Wochen bis der Hausarzt Zeit hat und dann nochmal eine Woche bis sie einen Termin beim Physiotherapeuten haben. Warum sollen diese Patienten nicht direkt Zugang zum Physiotherapeuten haben?“ Auch für Schlaganfallpatienten würde der Umweg über den Hausarzt eine unnötige Verzögerung der Physiotherapie bedeuten.

Die durchschnittliche Wartezeit auf eine Physiotherapie nach der Krankenhausentlassung betrage durchschnittlich zwei Wochen. Das sei aus therapeutischer Sicht katastrophal, erklärte der ZVK-Geschäftsführer.

„Bei den privaten Krankenversicherern kann der Patient nach dem Krankenhaus direkt an den Physiotherapeuten weitergereicht werden. Das muss auch in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung gehen.“

Einig war man sich hingegen darüber, dass die neue Heilmittelverordnung des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (GBA) ein großer Schritt war. Diese sieht vor, dass zukünftig Patienten, die längerfristig auf Heilmittelverordnungen angewiesen sind, diese nicht jedes Quartal neu beantragen und begründen müssen. Krankenkassen können demnach auch Genehmigungen über ein Jahr erteilen.

„Es ist ein Vorteil, wenn beispielsweise ein Schlaganfallpatient nicht regelmäßig in die Praxis kommen muss, um sich seine Verordnungen zu holen“, erklärte Prehn. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass der Arzt den Patienten zu selten sieht. „Arzt, Patient und Physiotherapeut müssen die Behandlung dann zusammen abstimmen.“

Nach Meinung des ZVK-Geschäftsführer kann man der Verordnung nur eines vorwerfen – dass die Entscheidung dafür solange gedauert habe. Vor allem die Diskussion darüber, inwieweit die langfristig verschriebenen Heilmittel bei Wirtschaftlichkeitsprüfungen des Arztes miteinbezogen werden, hätte die Heilmittelverordnung verzögert. „Regresse fallen gar nicht in die Zuständigkeit des GBA. Man hätte dort gar nicht darüber diskutieren dürfen“, so Esser.

Vor allem die Angst vor Regressen stellt für die Ärzte ein Problem bei der Verschreibung von Heilmitteln dar. „Wir hätten es auch gerne, dass wir Heil- und Hilfsmittel so verordnen könnten, wie wir es für angezeigt halten. Aber es gibt viele Sperren im System“, erläuterte die KV-Vorstandsvorsitzende.

Richtlinien, Richtgrößen müssten beachtet werden, und am Ende hätte man noch mit Regressen zu rechnen, wenn man es nicht tut. Esser bestätigte, dass deshalb die Bereitschaft der Ärzte sinke, beispielsweise Physiotherapien zu verschreiben. „Helfen würde schon eine bessere Praxissoftware, die die Ärzten rechtzeitig warnt, dass er Gefahr läuft, in einen Regress zu kommen.“

In diesem Zusammenhang begrüßte der ZVK-Geschaftsführer die Eckpunkte des kommenden Versorgungsgesetzes. Diesen zufolge sollen Praxisbesonderheiten besser abgeklärt werden und ein Regress nur möglich sein, wenn im Vorjahr eine Beratung des Arztes stattgefunden hat. © mei/aerzteblatt.de

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Avatar #657641
poly-physio-sport-wolf
am Donnerstag, 11. Oktober 2012, 00:53

Innovation in der Medizin sieht Deutschland als Letztes

Ich denke auch dass es stimmt, dass Physiotherapeuten noch leistungsorientiertere Therapie umsetzen würden, wenn diese ein eigenes Budgetierungssystem / Regress seitens Krankenkassen erhalten würden.
Aber auch aus kaufmännischer Sicht müssen diese in der Praxis leichter dem Patienten nachgeben - da die Dichte an Therapeuten zu hoch ist. Am besten Patienten zahlen selbst Ihre Therapien. Doch dafür ist im Armenhaus Deutschland zuwenig Einkommen. Denn ein Selbstzahler-Patient hat kein Interesse ein ganzes Quartal Therapien abzuarbeiten.
Aber warum sehen wir so wenig innovative Therapien seitens Ärzten und Therapeuten in Deutschland? Therapeuten und Ärzte haben Angst - einmal voreinander und vor den Krankenkassen. Dabei sind beide ein unschlagbares Team - das voneinander lernen kann. Zumal viele pathophysiologische Themen sich immer weiter entwickeln.
Auch ich wünsche mir eine schnellere Entwicklung im medizintechnischen differentialdiagnostischen Markt. Allein eine Fehlerquote bestimmter Nassphotometer bei ca. 10% ist doch der Wahnsinn von Falschpositiven Aussagen! Oder?
Therapeuten bewegen sich stets im Strafraum - da diese Therapien so auf Patienten abstimmen - dass diese nicht mehr einem Rezept entspricht. Oder gar manchmal einem Behandlungskatalog.
Gern können wir mal eine Kosten-Leistungs-Rechnung einer ärztlichen Therapieform und die einer Physiotherapie gegenüberstellen. Welche ist kosteneffizienter? Krankenkassen blockieren genauso verbesserte leistungsorientierte Therapien / Projekte von Physiotherapeuten auf Landesebene.
Wenn Patienten sich wirklich dafür entscheiden aktiv an Ihrem Gesundheitszustand etwas zu ändern - dann ist der Weg der Physiotherapie der Risikoärmste - siehe hierzu die Risikoeinschätzung der Haftpflichtversicherungen der Therapeuten gegenüber der Ärzte (und bestimmt auch der kosteneffektivste Weg). Immerhin zahlen Physiotherapeuten einen wirklich maginalen Versicherungssatz - welcher sich aus dieser Risikoeinschätzung seitens Versicherungs-Unternehmen ableitet.
Gern können wir mal ein Statistik einführen - wieviel Falsch-Diagnostik von Ärzten und Therapeuten durchgeführt wird. Aus meiner Sicht halten sich Therapeuten zulang mit einzelner Diagnostik auf - da sich manches Krankheitsbild direkt aus einer Behandlung ergeben kann. Deshalb wäre auch hier mal eine Statistik interessant - wie schnell ein Therapieerfolg bei welcher Erkrankung erreicht wird.
Patienten die trotz Antipathie bei Therapeuten bleiben - tun dies nur - da Schmerzfreiheit / Therapieerfolg! Also füge ich keine Schmerzen 3 / 4 mal durch eine Diagnostik zu - denn das Gegenteil (Schmerzfreiheit) tuts auch.
multimorbide Patienten gibt es überall - deswegen ist der Hintergrund viel zu komplex - da vor allem dem niedergelassenen Arzt / Therapeuten wirkliche Differential-Diagnostik-Tools wie Photometer fehlen. Zumal beispielsweise ein Herzinfarkt / stumm verlaufen kann.
Manche Menschen schauen nach Australien und staunen nur selbst - das Physiotherapeuten dort auch in der Notaufnahme arbeiten. Doch findet man soetwas in Deutschland? Bis jetzt noch nicht... Sollte sich dennoch ein Kooperationspartner finden dann schreibt mir eine Mail.

Eins muss ich noch loswerden - wieviel Physiotherapeuten arbeiten wirklich nur 15 min am Patienten - wie es die Krankenkasse vergütet? Mir ist keiner bekannt!!!
Wie lang ist der Patient in der Regel bei dem Allgemeinmediziner? 10 min?

Welcher Arzt / Krankenhaus hat Lust nicht zu operieren - sondern stattdessen den Patienten zum Therapeuten zu schicken? Was sagen Chirurgen = "das Geld liegt auf dem Tisch"

Ohne Selbstzahlen = mittelmäßiges Qualitätsmanagement

Euer Kaufmann & Physiotherapeut

PS: Ich erfreue mich über eine Leistungsorientierte Therapie / Abrechnung wie die der DRG! Vor allem sollte man dies noch in die Pflege einführen...
Avatar #98458
pajopapa
am Samstag, 14. Mai 2011, 14:52

Unverschämtheit!

Wenn Herr Esser behauptet Patienten würden 3 Wochen auf einen Termin beim Hausarzt warten gibt es dafür nur Erklärungen: 1. Er hat keine Ahnung ! 2. Er polemisiert ( lügt ) bewußt!
Wenn Physiotherapeuten außerdem wie wir Ärzte, auch die wirtschaftliche Verantwortung übernähmen ( Regressgefahr), würde die Empfehlungen von endlosen Folgeverordnungen schnell gegen Null tendieren!
Wir würden das Gleiche erleben wie momentan bei der Ablehnung teurer Patienten durch Krankenkassen nach Krankenkassenpleiten. Die Empathie vieler Physiotherapeuten für ihre Patienten wäre schnell eine Andere als momentan.
Avatar #111390
sweak
am Freitag, 13. Mai 2011, 08:30

Es kommt drauf an...

Diagnosestellung bleibt beim Arzt. Der Physiotherapeut macht und wird auch weiterhin einen Befund machen. Tauchen in diesem Befund Zeichen einer Kontraindikation (Red flags) oder eine Indikation die weitere Diagnostik bedarf, wird selbstverständlich an der Arzt verwiesen.

Von "Unverantwortlichkeit" kann hier wirklich keine Rede sein. Man darf gerne mal ins Ausland schauen, wie der Stellenwert der Physiotherapie dort ist.


@Thelber: Leider (rechtlich gesehen): Nein. Physiotherapeuten dürfen nach momentaner Rechtslage keine Behandlung ohne VO anbieten.
Avatar #108407
jschiefer
am Donnerstag, 12. Mai 2011, 23:51

Aua aua!

"Patienten sollen auch die Möglichkeit haben, bei Beschwerden direkt einen Physiotherapeuten aufzusuchen, wenn sie es wollen."

Das ist völlig unverantwortlich.

Indikationsstellung, Kontraindikationen und Verlaufsbeurteilung ist nur mit echtem medizinischen Hintergrund möglich. Abwendbar gefährliche Verläufe werden bei so einem Vorgehen so gut wie immer übersehen...
Avatar #98372
Thelber
am Donnerstag, 12. Mai 2011, 23:04

Bei mir bekommen alle Patienten, die aus der Klinik entlassen wurden ...

... am nächsten Werktag die Gelegenheit, ihre Verordnungen in der Praxis abzuholen.

Die Wartezeit bei den (guten) Pysiotherapeuten ist da schon erheblich länger ....

Im übrigen kann sich jeder auf Selbstzahlerbasis beim Physiotherapeuten behandeln lassen.

Was soll das Gezeter also ? Dafür Sorge tragen, dass Patienten nach Schlaganfall jahrzehntelang weiter zum Physiotherapeuten gehen können, ohne dass da jemand mal an den lieben Gewohnheiten kratzt und auf den Nutzen prüft ?
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