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Medizin

Telomere: Chromosomen altern bei Heimkindern früher

Mittwoch, 18. Mai 2011

New Orleans – Die institutionelle Betreuung in Heimen kann die kindliche Entwicklung behindern. Eine Studie an rumänischen Waisenkindern zeigt, dass die Kinder nicht nur psychische und physische Schäden davon tragen.

Laut einer neuen Publikation in Molecular Psychiatry (2011; doi:10.1038/mp.2011.53) kommt es auch zu Veränderungen am Erbgut: Eine Verkürzung der Telomere deutet auf eine erhöhte Anfälligkeit auf chronische Erkrankungen und eine Beschleunigung der Alterns hin.

Die Bevölkerungspolitik in der Ära Nicolae Ceaucescu hat in Rumänien die “Waisenhäuser” gefüllt. Das Dekret 770 vom Oktober 1966, das sämtliche Verhütungsmittel und Schwangerschaftsabbrüche verbot, überforderte die Familien.

Viele Kinder, die wenigsten davon echte Waisen, wuchsen in Heimen auf, deren Zustände nach der rumänischen Revolution von 1989 die Weltöffentlichkeit entsetzten. Die Politik der “5-Kinder-Familie” ist längst Geschichte.

Doch auch heute noch gibt es in Rumänien mehr Kinderheime als in anderen Ländern. Die Auswirkung der institutionalisierten Betreuung ist seit dem Jahr 2000 Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie von US-Forschern. Im Bucharest Early Intervention Project wurden 136 Heimkinder im Alter von 2 Jahren auf eine Fortsetzung der institutionalisierten Betreuung oder auf den Wechsel zu Pflegefamilien randomisiert. Seither werden die Kinder regelmäßig untersucht.

Im letzten Jahr hatte die Gruppe um Charles Nelson von der Harvard Medical School in Boston zeigen können, dass die Betreuung in Pflegefamilien Verhaltensstörungen mit den für Heimkindern typischen Stereotypen vermeiden kann. Auch im Wachstum und in der Intelligenzentwicklung lagen die in Familien betreuten Kinder vorne (Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine 2010; 164: 406-411 und 507-516).

Jetzt stellen die Forscher ihre Ergebnisse zu den DNA-Tests vor, die im Alter von 6 bis 10 Jahren durchgeführt wurden. Das Augenmerk richtete sich dabei auf Veränderungen an den Telomeren. Diese Pufferregionen an den Enden der Chromosomen verhindern, dass es bei Zellteilungen zu einem Verlust von Genen kommt.

Frühere Untersuchungen von Elizabeth Blackburn – die für ihre Arbeiten zum Enzym Telomerase, das die Telomere erneuert 2009 den Nobelpreis erhielt – hatten gezeigt, dass chronischer Stress bei Erwachsenen zu einer Verkürzung der Telomere führt.

Genau dies können Stacy Drury von der Tulane University in New Orleans und Mitarbeiter jetzt auch für die Heimkinder zeigen. Je länger die Kinder sich in der Heimbehandlung befanden, desto ausgeprägter war die Verkürzung der Telomere.

Dabei scheint sich die Heimunterbringung bei Mädchen und Jungen unterschiedlich auszuwirken. Bei den Mädchen zeigte vor allem die Dauer der Heimunterbringung in den ersten Lebensjahren Folgen, während die Telomerschäden sich bei den Jungen eher später entwickeln.

Es sei das erste Mal, dass die Folgen der sozialen Deprivation in Heimen auf molekularer Ebene dokumentiert werden konnten, schreibt Drury. Ihre Studie ist jedoch nicht ohne Schwachpunkte. Untersucht wurden einzig die Heimkinder. Vergleichsdaten zu den in Pflegefamilien betreuten Kindern fehlen.

Ein stichhaltiger Beweis, dass die Heimunterbringung für die Verkürzung der Telomere verantwortlich ist, konnte deshalb nicht erbracht werden. Unklar ist streng genommen auch, welche Folgen die Telomerverkürzung auf die langfristige Gesundheit hat.

Experten halten es nicht für ausgeschlossen, dass sich die Nachteile im späteren Erwachsenenleben “auswachsen” können. Im Prinzip ist eine Verlängerung durch das Enzym Telomerase möglich. Die Studie soll deshalb fortgesetzt werden. Der Sponsor, die US-National Institutes of Health, haben jüngst eine weitere Förderung zugesagt. Die Kindern sollen das nächste Mal im Alter von 12 Jahren untersucht werden. © rme/aerzteblatt.de

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