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Politik

Thüringen: Hausarzt gesucht

Freitag, 24. Juni 2011

In vielen ländlichen Regionen haben es Bürgermeister schwer, für ihren Ort einen Hausarzt zu finden. Der Bürgermeister des nordthüringischen Ortes Görsbach sucht bereits seit mehr als drei Jahren. Bei einem Vor-Ort-Termin traf sich der thüringische Bundestagsabgeordnete Steffen-Claudio Lemme (SPD) gestern mit Vertretern der ärztlichen Selbstverwaltung in Görsbach, um nach Lösungen zu suchen.   

Fünf Fragen an den thüringischen Bundestagsabgeordneten Steffen-Claudio Lemme

DÄ:
Der Bürgermeister des thüringischen Ortes Görsbach sucht einen Hausarzt für seine Stadt. Gestern gab es einen Termin vor Ort. Worum ging es dabei? 

Lemme: Seit über drei Jahren gibt es in Görsbach keinen Hausarzt mehr. Die mehr als 1.000 Einwohner der Stadt müssen in die 15 Kilometer entfernt liegenden Nachbarorte fahren, wenn sie Beschwerden haben und einen Hausarzt aufsuchen wollen. Mit dem öffentlichen Nahverkehr dauert das manchmal bis zu fünf Stunden. Gerade älteren Menschen ist das nicht zuzumuten. Außerdem haben die beiden Hausärzte in den Nachbargemeinden mit mehr als 1.600 Patienten ihre Leistungsgrenze bereits überschritten, zumal sie ihre Patienten ja nicht nur oberflächlich untersuchen, sondern sich Zeit für sie nehmen wollen. Gestern haben der Bürgermeister von Görsbach, Frau Feldmann von der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen, Frau Rommel von der Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen und ich uns die Situation vor Ort angeschaut und überlegt, was wir gemeinsam ändern können.   

DÄ: Und was ist dabei herausgekommen?

Lemme: Durch die mediale Berichterstattung ist ein Anästhesist aus der Region, der sich zurzeit in Weiterbildung zum Hausarzt befindet, auf das Problem aufmerksam geworden. Er könnte ab 2013 für zwei Tage in der Woche in Görsbach als Hausarzt arbeiten, die anderen drei Tage in einer Nachbargemeinde. Die Stadt stellt die Räume dafür zur Verfügung. Und die Kassenärztliche Vereinigung will bei den Investitionskosten helfen. Bis 2013 ist es zwar noch eine lange Zeit, aber angesichts der schwierigen Ausgangslage betrachte ich das Ergebnis durchaus als Erfolg.  

DÄ: Wie wollen Sie in Ihrer Heimat Thüringen jenseits von medienwirksamen PR-Terminen die ärztliche Unterversorgung in ländlichen Gebieten lösen?

Lemme: Wir sind gestern so verblieben, dass wir uns auch weitere unterversorgte Regionen in Thüringen ansehen wollen. Wir wollen auch dort mit den Medien zusammenarbeiten. Denn ich glaube, dass sich in erster Linie Ärzte für diese Regionen finden lassen, die schon in der Gegend wohnen und eine heimatliche Bindung haben. Außerdem müssen wir finanzielle Anreize schaffen. Wenn ein Hausarzt in eine unterversorgte Region geht, muss er dafür auch etwas bekommen. Dabei wäre Neid allerdings völlig unangebracht, da sich der Arzt ja auch wirtschaftlichen Risiken aussetzt. Darüber hinaus müssen wir auch dafür sorgen, dass es genügend Weiterbildungsmöglichkeiten gibt. 

DÄ: Was können die Beteiligten vor Ort tun?

Lemme: Wir Politiker müssen zum Beispiel damit aufhören, das Thema Ärztemangel für parteipolitische Auseinandersetzungen zu missbrauchen.  Stattdessen müssen alle mit anpacken. Die Kommunen müssen kostenlos die Immobilien zur Verfügung stellen oder zumindest den Mietpreis niedrig halten, vielleicht auch Unterbringungsmöglichkeiten für die erste Zeit organisieren. Wir müssen bessere Strukturen in den unterversorgten Regionen schaffen, zum Beispiel durch einen besseren öffentlichen Nahverkehr, da wäre das Angebot von Shuttletransporten denkbar. Aber auch die Ärzte müssen mobiler werden. Wie das Beispiel Görsbach ja zeigt, könnte ein Hausarzt neben seiner Praxis noch in einer Außenstelle arbeiten. Ich bin darüber hinaus auch für Projekte zur Arztentlastung wie das VerAH- und AGnES-Projekt. 

DÄ: Wie wollen Sie die Strukturen in den ostdeutschen Bundesländern langfristig verbessern?

Lemme: Wir wollen die Menschen dafür begeistern, in ihrer Heimat zu bleiben. Ich glaube schon, dass die Menschen hier gerne in ihrer Heimat leben. Wir müssen allerdings dafür sorgen, dass die wirtschaftlichen Bedingungen stimmen. Wir haben in den letzten Jahren viel in eine gute Infrastruktur investiert, wir haben hier auch eine sehr gute Breitbandversorgung. In beiden Bereichen haben wir die alten Bundesländer vielfach schon überholt.

Noch aufholen müssen wir allerdings bei den Gehältern. Ich wünsche mir einen gleichen Lohn in Ost und West, gleiche Renten und überall auch einen Mindestlohn, damit die Menschen von ihrer Arbeit leben können. Wir haben in den vergangenen Jahren vor allem viele junge Menschen verloren, doch die Situation hat sich bereits etwas stabilisiert.

Damit sie wieder zurückkommen, oder auch damit Ärzte sich hier niederlassen, brauchen wir ein attraktives Umfeld. Wir brauchen Schulen und Kitas. Wir brauchen vielleicht kein Opernhaus in jeder Stadt, aber wir müssen uns zum Beispiel dafür einsetzen, dass existierende Schwimmbäder nicht geschlossen werden.  © fos/aerzteblatt.de

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Avatar #68316
hoffmanna
am Samstag, 25. Juni 2011, 00:11

Wer denkt sich das eigentlich aus???

Während in der Vergangenheit immer zu lesen war, die Verdienstmöglichkeiten müssten sich bessern, um wieder mehr Ärzte aufs Land zu bekommen, dominiert seit einiger Zeit nun die Theorie des attraktiven Umfelds die Medien.

Egal, ob ich mich mit Kollegen aus der Stadt oder aus ländlichen Praxen unterhalte - die Kritikpunkte haben weder mit dem Einen noch mit dem Anderen zu tun. Bei beiden Gruppen dominiert der Bürokratiefrust, alles Weitere ist schlicht das statistische Verteilungsproblem!
LNS

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