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Medizin

Umwelt und Antidepressiva unter Autismusverdacht

Dienstag, 5. Juli 2011

Palo Alto/Oakland – US-Forscher suchen derzeit nach den Ursachen für die Zunahme von Erkrankungen aus dem autistischen Formenkreis. Eine neue Zwillingsstudie vermutet, dass der Einfluss von prä- und perinatalen Umweltfaktoren bisher unterschätzt wurde. Eine weitere Studie sieht die Einnahme von Antidepressiva als einen möglichen Auslöser.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Erkrankungen aus der Gruppe der Autismusspektrums-Störungen (ASD) in den USA verzehnfacht. Kamen in den 60er Jahren auf 10.000 Kinder noch 4 bis 5 Erkrankungen, so sind es mittlerweile 40. Dies hat sicherlich mit der Ausweitung der diagnostischen Kriterien und mit der vermehrten öffentlichen Aufmerksamkeit zu tun, die Autismuserkrankungen heute erfahren.

Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass Veränderungen der Lebensumwelt eine Rolle spielen. Dieser Ansicht widersprachen bisher die Ergebnisse früherer Zwillingsstudien. In ihnen war aufgefallen, dass bei monozygoten Zwillingen in bis zu 70 Prozent der Fälle beide Geschwister erkranken, während diese Konkordanz bei dizygoten Zwillingen gegen Null tendierte.

Das spricht für eine Vererbung. Die British Twin Study kam noch Mitte der 90er Jahre zu dem Ergebnis, dass 90 Prozent aller Autismuserkrankungen genetische Ursachen haben.
 

Joachim Hallmayer von der Stanford Universität in Palo Alto kommt jetzt in einer Analyse der California Autism Twins Study zu ganz anderen Ergebnissen, was ebenfalls mit den veränderten diagnostischen Kriterien zusammenhängen dürfte.

Zwar ermittelt auch Hallmayer eine hohe Konkordanz unter monozygoten Zwillingen von 77 Prozent bei Jungen und 50 Prozent bei Mädchen (Archives of General Psychiatry 2011; doi: 10.1001/archgenpsychiatry.2011.76). Aber auch bei dizygoten Zwillingen wird mittlerweile bei 31 Prozent der Jungen und 36 Prozent der Mädchen die Diagnose ASD bei beiden Geschwisterkindern gestellt.

Damit sinkt nicht nur die Bedeutung der Gene. Hallmayer beziffert ihren Anteil in einer Berechnung mit 38 Prozent. Die hohe Konkordanz unter dizygoten Zwillingen deutet auf Faktoren hin, die im Familienumfeld zu suchen sind. Da ASD im Kindesalter auftreten, kommt entweder die Perinatal- oder die Pränatalphase infrage.

Zu den pränatalen Risiken könnte die intrauterine Exposition mit Antidepressiva zählen. In den USA nehmen nicht gerade wenige Frauen diese Medikamente auch während der Schwangerschaft ein. Nach den Recherchen von Lisa Croen von der Forschungsabteilung der Krankenkasse Kaiser Permanente in Oakland stieg der Anteil der Schwangeren, denen Antidepressiva verordnet wurden, von 1 bis 6 Prozent in Mitte der 90er Jahre auf mittlerweile 7 bis 13 Prozent, wobei heute überwiegend selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) verschrieben werden.

In einer Fall-Kontrollstudie unter den Versicherten der Krankenkasse hat Croen die Verordnungsdaten von 298 Müttern, deren Kind an einer ASD erkrankte, mit 1.507 zufällig ausgewählten anderen Frauen mit Kindern ohne ASD verglichen (Archives of General Psychiatry 2011; doi:10.1001/archgenpsychiatry.2011).

Ergebnis: Die intrauterin-exponierten Kinder erkrankten doppelt so häufig (Odds Ratio OR 2,2; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,2-4,3). Eine Exposition im ersten Trimester war sogar mit einem fast vierfach erhöhten Erkrankungsrisiko assoziiert (OR 3,8; 1,8-7,8).

Trotz des hohen Risikos, sind Antidepressiva sicherlich nicht die einzige Erklärung für die Zunahme der ASD-Erkrankungen (oder -diagnosen). Croen schätzt das attributive Risiko – das ist der Anteil der Erkrankungen, die ein Risikofaktor erklärt – auf lediglich 2,1 Prozent für Kinder, deren Mütter im Jahr vor der Geburt Antidepressiva eingenommen haben und auf 2,3 Prozent für eine Exposition im ersten Trimenon.

Außerdem kann eine Fall-Kontroll-Studie einen Zusammenhang nicht beweisen. Auch die Grunderkrankung oder sich daraus ergebende Probleme, von einer ungesunden Lebensweise bis hin zu Erziehungsproblemen, könnten eine Rolle spielen. Der Befund dürfte jedoch weitere Studien nach sich ziehen, zumal die Denkblockade durch die Ergebnisse früherer Zwillingsstudien gelöst zu sein scheint.

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© rme/aerzteblatt.de

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