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Medizin

Querschnittslähmung: Nerven-Bypass verbessert Atmung bei einer Ratte

Donnerstag, 14. Juli 2011

Cleveland – US-Forscher haben durch ein Nerveninterponat die Atemfunktion von querschnittsgelähmten Ratten verbessert. Ob die in Nature (2011; doi: 10.1038/nature10199) vorgestellte Technik auch bei Menschen mit Querschnittslähmung einfache Körperfunktionen wiederherstellen kann, ist unklar.

Querschnittslähmungen oberhalb von C4 unterbrechen die Verbindung zwischen dem Atemzentrum im Hirnstamm und den Zellkernen des Nervus phrenicus, der die Zwerchfellatmung steuert. Alle Versuche die Verbindung mittels eines Nerventransplantats zu überbrücken, sind in der Vergangenheit gescheitert, obwohl die Transplantation von peripheren Nerven seit langem erfolgreich ist.

Dort kommt es zum erneuten Aussprossen von Axonen entlang der Leitschiene, die das Transplantat vorgibt. Dass ähnliches am Rückenmark bisher nicht gelungen ist, führt Jerry Silver von der Case Western Reserve University School in Cleveland auf die Narbe zurück, die sich nach einer Querschnittslähmung an der Läsion bildet.

Schon vor 20 Jahren hatte Silver herausgefunden, dass es in der Läsion zur Bildung von Chondroitinsulfat kommt, einem Proteoglykan, das auch im Knorpelgewebe vorkommt. Nun kann Chondroitinsulfat durch das Enzym Chondroitinase ABC abgebaut werden, das beispielsweise vom Bakterium Proteus vulgaris gebildet wird. Die Behandlung, die Silver vorschlägt, besteht deshalb in der Kombination einer intraläsionalen Injektion von Chondroitinase ABC gefolgt von einem Transplantat, dass die Querschnittlösion überbrückt.

Silver hat dies bei Ratten versucht, bei denen er vorher das Rückenmark halbseitig auf der Ebene von C2 unterbrochen hatte. Das Enzym wurde an die beiden Stellen injiziert, in denen der kurze Nervenbypass mit dem Rückenmark ober- und unterhalb der Querschnittsläsion verbunden wurde.

Seine Experimente zeigen, dass tatsächlich neue Nervenverbindungen entstehen. Ob sie allerdings auch funktionieren ist eine andere Frage. Die Experimente zeigen eine gesteigerte elektromyografische Aktivität im Zwerchfell an. In der Pressemitteilung ist von einer Wiederherstellung von 80 bis 100 Prozent der Nerven- und Muskelaktivität die Rede.

In der Studie selbst wirken die Vorteile nicht ganz so überzeugend. Zum einen konnten die Tiere vor der Therapie noch selbsttätig atmen, da die Lähmung ja nur halbseitig war. Zum anderen ist nicht ganz auszuschließen, dass die querschnittsgelähmte Seite durch Interneurone angesteuert wird, die im Rückenmark auf Höhe der Phrenicus-Kerne die Seiten kreuzen. Das würde die Ergebnisse ebenso gut erklären wie ein funktionsfähiger Nervenbypass.

Silver plant im nächsten Schritt Experimente zur Wiederherstellung der Blasenfunktion, die auch bei tieferen Läsionen bei vielen Querschnittsgelähmten gestört ist. Es könnte sich vorstellen, dass die Therapie auf den Menschen übertragbar ist.

So wünschenswert dies auch wäre, scheinen derzeit noch harte Beweise für die Effektivität der Therapie auch beim Versuchstier Ratte zu fehlen. Ob es schon bald zu den von Silver erhofften klinischen Studien kommt, bleibt deshalb abzuwarten. © rme/aerzteblatt.de

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