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Medizin

Zwei Antidepressiva ohne Wirkung bei Demenzpatienten

Dienstag, 19. Juli 2011

London – Die bislang größte randomisierte klinische Studie zum Einsatz von Antidepressiva bei Demenzpatienten kommt im Lancet (2011; doi: 10.1016/S0140- 6736(11)60830-1) zu dem Ergebnis, dass Sertralin und Mirtazapin, die beiden am häufigsten angewendeten Mittel, nicht besser wirken als Placebo.

Etwa ein Fünftel aller Demenzpatienten leidet unter Depressionen, eine evidenzbasierte Therapie gab es nach Einschätzung von Sube Banerjee vom King’s College London bislang nicht. Die wenigen Studien zum Einsatz von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) – Trizyklika sind wegen ihrer anticholinergen Nebenwirkungen in dieser Indikation nicht geeignet – hatten nur wenige Teilnehmer und kamen zu keinem eindeutigen Ergebnis.

Die Study of the Use of Antidepressants for Depression in Dementia (SADD) des britischen Gesundheitsdienstes (NHS) sollte endlich eine rationale Grundlage für eine offenbar verbreitete Therapie liefern.

An neun Zentren in England wurden 335 Patienten mit einer Alzheimerdemenz auf die Behandlung mit Sertralin, Mirtazapin oder Placebo randomisiert. Die im Durchschnitt über 80 Jahre alten Patienten hatten eine mäßig schwere Demenz (Mental State Examination, MMSE, median 18) und eine mittelschwere Depression (Cornell scale for depression in dementia, CSDD 12 oder mehr).
 

Die Studie war praxisnah und die Dosis der einzelnen Medikamente wurde im Verlauf der Therapie langsam gesteigert. Am Ende wurden die Patienten im Mittel mit 95 mg Sertralin (Zieldosis 150 mg/die) und mit 30 mg Mirtazapin (Zieldosis 45 mg) behandelt.

Dass die Studie ihr Ziel nicht erreichte, war am Ende allerdings nicht auf die geringe Dosis zurückzuführen, sondern auf die gute Placebo-Wirkung. Auch unter der Scheintherapie sankt der CSDD-Wert nach 13 Wochen von 13,6 auf 7,7 Punkte. Die Ergebnisse waren auch 26 Wochen nach Ende der Therapie nicht schlechter als unter der Therapie mit einem SSRI. Wohl aber kam es unter der SSRI-Therapie häufiger zu Nebenwirkungen und Studienabbrüchen, wie Banerjee mitteilt.

Dass Placebos in der Behandlung von Depressionen oft eine gute Wirkung erzielen, ist bekannt. Dennoch ist das Ergebnis für die Therapeuten wenig befriedigend. Banerjee rät zu einer abwartenden Haltung und zu psychosozialen Interventionen. Die Studie schließt nicht aus, dass andere SSRI wirksam wären, ein Beleg auch randomisierte Studien steht jedoch aus.

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© rme/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 20. Juli 2011, 10:08

"Sad study - lucky results"!

Sinnigerweise hieß die Studie HTA-SADD (sad=traurig), aber das war' s auch schon mit dem englischen Humor! Denn es war doch einfach genial, ausgerechnet Demenzpatienten mit dem "Cornell scale for depression in dementia" (CSDD-Score) auf Depressionen hin zu untersuchen.

Nach 13 Wochen und nach 39 Wochen (nicht 26 Wochen, wie DÄ berichtet) fanden sich im CSDD-Score bei Sertralin, Mirtazapin oder Placebo deutliche Verbesserungen, vollkommen u n a b h ä n g i g um welchen der drei Therapiearme es sich handelte! ("The primary outcome was reduction in depression [CSDD score] at 13 weeks [outcomes to 39 weeks were also assessed]").

Beide Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) hatten aber im Gegensatz zu Placebo wesentlich häufiger Nebenwirkungen. Bis zur 39. Woche starben übrigens in allen drei Therapiearmen jeweils 5 Patienten ("Five patients in every group died by week 39").

Die Studie problematisierte allerdings nicht, dass Patienten mit fortschreitender Demenz sich nicht mehr an ihre Depressionsbeschwerden erinnern können. Der Schweregrad einer Depression bei Demenz kann sich folglich auch o h n e Placebo spontan bessern.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM


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