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Medizin

„Elefanten-Mann“: Punktmutation ist Ursache des Proteus-Syndrom

Donnerstag, 28. Juli 2011

Bethesda – US-Forscher haben die Ursache für eine äußerst rätselhafte angeborene Störung gefunden. Das Proteus-Syndrom, das zum bizarren Überwuchs einiger Körperregionen führt, während andere nicht betroffen sind, ist laut dem Bericht im New England Journal of Medicine (2011: doi; 10.1056/NEJMoa1104017) Folge einer Punktmutation in einem Onkogen. Der regionale Überwuchs kommt durch einen genetischen Mosaizismus zustande.

Das äußerst seltene Proteus-Syndrom (Inzidenz <1 pro Million Geburten) wurde durch einen Film von David Lynch (Der Elefantenmensch, 1980) bekannt. Der exzentrische US-Regisseur hatte darin die tragische Lebensgeschichte von John Merrick (1862-1890) thematisiert, der im viktorianischen England auf Jahrmärkten als „menschliches Monster“ präsentiert wurde.

Alte Fotos zeigen, dass das Proteus-Syndrom, benannt nach dem griechischen Gott, der seine Gestalt verändern konnte, bei Merrick zu sehr starker Deformität von Gesicht und Rumpf geführt hat. Dies ist eine ungewöhnliche Ausprägung. Bei den meisten Patienten sind die Hypertrophien wesentlich schwächer. Vielfach können sie chirurgisch korrigiert werden.

Menschen mit Proteus-Syndrom sind bei der Geburt noch unauffällig. Der „Überwuchs“ stellt sich erst in den ersten beiden Lebensjahren ein. Infolge des Mosaizismus ist nie der gesamte Körper betroffen. Auffällig sind die Veränderungen der Haut, die infolge der Hypertrophie an die Kontur einer Elephantenhaut erinnert. Zum Proteus-Syndrom gehören aber auch Veränderungen des Skeletts und einiger innerer Organe. Fehlbildungen der Gefäße begünstigen die Entwicklung von Thrombosen und Lungenembolien.

Ursprünglich wurde das Proteus-Syndrom als eine Variante der Neurofibromatose Typ 1 (M. Recklinghausen) gedeutet, was allerdings nicht zutrifft. Es handelt sich vielmehr um einen genetischen Mosaizismus, was der Dermatologe Rudolf Happle, Universität Marburg, bereits 1987 vermutete.

Ein genetischer Mosaizismus ist die Folge einer somatischen Mutation in der Frühphase der embryonalen Entwicklung. Sie betrifft immer nur einen Teil der menschlichen Zellen, während andere sich normal entwickeln.

Auch das Team um Leslie Biesecker vom National Human Genome Research Institute in Bethesda vermutete einen genetischen Mosaizismus. Um die Ursache des Proteus-Syndroms zu finden, verglichen die Forscher bei ihren Patienten die Gene im normalen und betroffenen Gewebe. Da es keine Hinweise gab, in welchem Gen der Defekt zu suchen ist, wurde das Exom sequenziert. Es umfasst alle Anteil des Erbguts, in dem Proteine kodiert werden.

Die Suche endete mit einem Treffer: 26 der 29 Patienten hatten dieselbe Punktmutation in einem Onkogen namens AKT1. Es kodiert die AKT1-Kinase, ein Enzym, das in die Zellproliferation und Apoptose eingreift. Die Mutation führte zu einer Steigerung der Enzymaktivität, was ungewöhnlich ist, da Mutationen meistens die Funktion herabsetzen.

Tritt die Mutation in allen Zellen des Körpers auf, ist dies vermutlich nicht mit dem Leben vereinbar, vermutet Biesecker. Bei den 26 Patienten waren zwischen einem und 50 Prozent der DNA betroffen. Bei einer Gruppe von 400 Menschen ohne Proteus-Syndrom wurde die Mutation niemals gefunden. Sie wurde auch in den Datenbanken der Genforscher bisher nicht beschrieben.

Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass die Mutation die Ursache des Proteus-Syndroms ist. Den Forschern ist es damit erstmals gelungen, die Ursache eines genetischen Mosaizismus zu entschlüsseln. Als nächstes wollen sie die Gene von John Merrick untersuchen.

Die Londoner Klinik, in der der Elefantenmensch 1890 im Alter von nur 27 Jahren starb, hat nämlich neben dem Skelett noch andere Präparate aufbewahrt. Ob sich darin allerdings DNA erhalten hat, ist unbekannt. © rme/aerzteblatt.de

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