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Politik

Demografischer Wandel: Praxisnahe Forschung an der Universität

Montag, 8. August 2011

Berlin – Um zukünftig die vielen alten Menschen gut versorgen zu können, sind neue medizinische Versorgungsstrukturen nötig. „Wenn alles konstant bleibt, dann bekommen wir wesentlich mehr Patienten, obwohl die Bevölkerung deutschlandweit bis zum Jahr 2030 um fünf Prozent zurückgehen wird“, betonte Wolfgang Hoffmann kürzlich gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Community Medicine der Universität Greifswald ist überzeugt: „Wir können die Versorgungsstrukturen auf keinen Fall so lassen, wie sie sind.“ Was sich ändern müsste, schildern er und seine Kollegin Neeltje van den Berg anhand von Beispielen aus ihrem eigenen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern in einem Beitrag für das Deutsche Ärzteblatt, der Auftakt einer Serie zum Thema ist. 

Mit den Herausforderungen im Norden befasst sich auch Dietrich Monstadt (CDU).  Der Bundestagsabgeordnete ist Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags. Er kennt die Situation in Mecklenburg-Vorpommern aufgrund der Arbeit in seinem Wahlkreis Schwerin/Ludwigslust. 

Fünf Fragen an: Dietrich Monstadt

DÄ: Herr Monstadt, Mecklenburg-Vorpommern gilt als Bundesland, in dem man sich die Herausforderungen für das Gesundheitswesen durch die starke Alterung der Bevölkerung gut vor Augen führen kann. Zu Recht?

Monstadt: Ich denke ja. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Alterung der Bevölkerung deutlich ausgeprägt. Somit sind unsere Einwohner häufig multimorbide. Wir stellen fest, dass altersassoziierte Erkrankungen wie Demenzen, Diabetes oder Krebs zunehmen. Auch die Einsicht in präventives Verhalten ist oft nicht sehr stark ausgeprägt. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Hausärzte über 60 Jahre alt ist. Bei uns bestehen in 16 Planungsbezirken nahezu überall Zulassungsmöglichkeiten für Hausärzte. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern droht perspektivisch in neun davon  Unterversorgung. Das alles sind besondere Anforderungen an ein System der wohnortnahen medizinischen Versorgung. Bezogen auf die demografische Entwicklung in der gesamten Bundesrepublik hat Mecklenburg-Vorpommern,  je nach Hochrechnung, zwischen sechs und zehn Jahren Vorlauf. Wir können in gewissem Sinn also Modellregion dafür sein, wie man mit den Herausforderungen umgeht. 

DÄ: Ist das Thema des demografischen Wandels und der damit verbundenen Herausforderungen für das Gesundheitswesen Ihrer Meinung nach bereits wirklich im Bundestag angekommen?

Monstadt: Selbstverständlich. Die Gesundheitspolitiker machen sich intensiv Gedanken darüber. Im Koalitionsvertrag haben Union und FDP festgehalten, dass die Sicherstellung einer flächendeckenden und bedarfsgerechten medizinischen Versorgung für uns ein zentrales Anliegen darstellt. Beweis für die Umsetzung ist der Entwurf eines Versorgungsstrukturgesetzes, mit dem wir die Probleme angehen und innovative Lösungen fördern wollen. Die  sektorübergreifende Versorgung ist ein wichtiges Thema. In meinem Wahlkreis gibt es noch regionale kleine Krankenhäuser, beispielsweise in Hagenow, Ludwigslust oder Boitzenburg. Da ist es zum Beispiel wichtig, die dortige Facharztkompetenz für die Versorgung zu erhalten.

DÄ: Nach wie vor dauert ja der Streit an, ob wir einen Ärztemangel bekommen werden oder ob wir bloß eine noch stärkere ungleiche Verteilung von Ärzten erwarten müssen. Erschweren es solche und andere Grundsatzdebatten nicht, überhaupt zu Lösungen zu kommen?

Monstadt: Die Gesundheitspolitiker der Regierungskoalition sind alle bereit, an Lösungen mitzuarbeiten, aber der Teufel steckt immer im Detail. Wir haben derzeit und auch in Zukunft in der Summe keinen echten Ärztemangel, wohl aber ein Verteilungsproblem in Deutschland, weil beispielsweise zu viele Ärzte in Ballungsräumen arbeiten. Da müssen wir uns andere Steuerungsmechanismen überlegen, die sich umsetzen lassen. Daran wird derzeit intensiv gearbeitet.

DÄ: Ein weiterer Streitpunkt ist die sektorenübergreifende Versorgung. Wie nehmen Sie das wahr?

Monstadt: Ich beobachte, dass es im Moment noch Konkurrenzsorgen gibt, die man angesichts der sich abzeichnenden Versorgungsrealität zum Beispiel bei uns in Mecklenburg-Vorpommern gar nicht mehr haben müsste. Wenn ich mir die ländlichen Regionen betrachte, ist klar, dass der Bedarf aufgrund der alternden Bevölkerung dort steigen wird, so dass sicher alle Einrichtungen, ab stationär, ambulant oder zur Rehabilitation, ausgelastet sein werden. Wir sehen im Versorgungsstrukturgesetz auch diverse Möglichkeiten vor. Beispielsweise eine mobile Facharztversorgung, damit der Facharzt in die Region kommen kann und nicht die Patienten große Entfernungen zurücklegen müssen. Auch die Ermächtigung von Krankenhäusern bei lokalem Versorgungsbedarf und von Ärztinnen und Ärzten, die in Reha- oder Pflegeeinrichtungen tätig sind, kann eine Verbesserung in der Versorgung darstellen. Auch Delegationskonzepte, bei denen der Arzt durch geschultes Personal entlastet wird und seinen Kernaufgaben nachgehen kann, sind vielversprechend.

DÄ: Das Institut für Community Medicine an der Universität Greifswald versucht, eine hilfreiche Datengrundlage über die Versorgungsstrukturen zu schaffen und zudem Vorschläge für neue Strukturen zu unterbreiten. Bekannt sind vielen die Projekte zur arztentlastenden Delegation von Leistungen, meist unter dem Schlagwort Schwester AGnES  aufgeführt. Sind solche Arbeiten für Sie als Gesundheitspolitiker hilfreich oder überflüssig?

Monstadt: Für uns sind wissenschaftlich fundiert aufbereitete Daten und Vorschläge enorm wichtig. Als Gesundheitspolitiker sind wir vielfältigen Einflussnahmen ausgesetzt bei unserer Arbeit und müssen häufig vorsichtig sein mit den Daten, die wir bekommen. Beim Gesundheitswesen geht es schließlich um ein Finanzvolumen von insgesamt rund 370  Milliarden Euro. Deshalb ist unabhängige Forschung, saubere empirische Erhebung und Evaluation  von unschätzbarem Wert. © Rie/aerzteblatt.de

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