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Politik

Beske warnt vor überstürzten Leistungskürzungen

Mittwoch, 7. September 2011

Berlin – Mit Blick auf erhebliche Kürzungen bei Gesundheitsleistungen beispielsweise in Großbritannien hat Fritz Beske heute in Berlin davor gewarnt, die finanziellen Belastungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Deutschland weiter herunterzuspielen.

Die vor kurzem veröffentlichten Informationen zu Leistungskürzungen des britischen National Health Service beinhalteten unter anderem das Einsetzen von Hüft- und Knieendoprothesen, Mandeloperationen und Operationen bei Krampfadern.

„Wenn dieses Vorgehen den gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland erspart werden soll, muss die Gesundheitspolitik endlich anfangen, öffentlich darüber zu diskutieren, was mit den in Zukunft zur Verfügung stehenden Mitteln geleistet werden kann und was nicht“, sagte Beske bei der Vorstellung seiner neuesten Studie.

Beske erklärte, schon bald würden die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Sozialsysteme hierzulande spürbar. „Gebraucht wird ein ganzes Bündel von Maßnahmen, wenn unser solidarisches Gesundheitswesen auf die Zukunft ausgerichtet werden soll. Denn der Mangel an Geld ist vorhersehbar“, so Beske. Statt stille Rationierung zu tolerieren, solle man geordnet über Leistungszuteilungen und –einschränkungen diskutieren und entscheiden, also priorisieren.

Dazu hat der Arzt und Wissenschaftler in seiner jüngsten Studie eine Vielzahl von Vorschlägen unterbreitet, die er alle einem einfachen Prinzip unterstellt: „Man kann nur so viel ausgeben, wie man hat.“ Unabdingbar ist es nach seiner Auffassung, den großen Leistungsumfang, den das Sozialgesetzbuch V umschließt, neu zu fassen und gegebenenfalls einzuschränken.

Darüber hinaus fordert Beske, die GKV nicht weiter öffentliche Aufgaben wie die Familienmitversicherung finanzieren zu lassen beziehungsweise von staatlicher Seite für bestimmte Leistungen kostendeckende Beiträge zu überweisen, beispielsweise für die Krankenversicherung von Arbeitslosen. Hinzu kommen zahlreiche Einzelvorschläge, beispielsweise die Zuzahlung zu jeder psychotherapeutischen Einzelbehandlung, die Wiedereinführung von Karenztagen im Krankheitsfall, aber auch die Überprüfung von Leistungen wie Wunschkaiserschnitten.

Die Studie ist als Band 121 in der Schriftenreihe des Fritz Beske Instituts für Gesundheits-System-Forschung in Kiel erschienen. Sie trägt den Titel „Solidarische, transparente und bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung im demografischen Wandel durch Priorisierung und Rationierung – Begründung und Vorschläge“. Sie kann gegen eine Schutzgebühr von zehn Euro zuzüglich Versandkosten bestellt werden unter info@igsf-stiftung.de beziehungsweise der Telefonnummer 0431/ 800 600. © Rie/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #96238
drwolfkai
am Donnerstag, 8. September 2011, 22:54

Tabu?

Wieso wird in diesem Zusammenhang nicht auch die kostenlose Familienversicherung für in der Türkei lebende Familienangehörige, zu Lasten der deutschen GKV, diskutiert? Die gängige, wenn auch hier kaum bekannte Praxis, dass u.a. auch die Eltern der in Deutschland lebenden Türken kostenlos mitversichert werden können, stellt überdies eine Ungleichbehandlung aller deutschen Staatsangehörigen gegenüber dem vorgenannten Personenkreis dar, da sie Ihre Eltern nach geltender Rechtlage nicht mitversichern können...
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 8. September 2011, 09:57

Nicht Priorisieren und Triagieren sondern Kurieren und Stabilisieren!

Was die Handschrift von Prof. Fritz Beske (Jahrgang 1922) und seines Instituts für Gesundheits-System-Forschung trägt, ist leider hoffnungslos veraltet und malt die auf unsere GKV gar nicht übertragbaren Probleme des britischen NHS an die Wand.

Unser Gesundheitswesen steht im Spannungsfeld zwischen Solidarität und Verantwortung. Beides muss gefördert und gestärkt werden:

1. GKV-Versicherten dürfen nicht uferlose Leistungs- und Versorgungsansprüche von ihren Krankenkassen suggeriert werden. Diese verschweigen systematisch ihren Versicherungsnehmern das
"Wirtschaftlichkeitsgebot" nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) V. Dort heißt es verbindlich für die Gesetzliche Krankenversicherung in § 12, Absatz 1:
"Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Leistungen, die nicht notwendig oder unwirtschaftlich sind, können Versicherte nicht beanspruchen, dürfen die Leistungserbringer nicht bewirken und die Krankenkassen nicht bewilligen."

2. Wenn dieses positive Leistungsbild, das die Politik, Medien, Öffentlichkeit une GKV-Kassen immer verschämt verschweigen, bei jedem Patienten/-in, bei Verwaltungen, Behörden KBV, BÄK und Entscheidungsträgern bzw. in Klinik bzw. Praxis an die Wand genagelt würde, könnten wir diese "Nimm-was Du-kriegen kannst"-
Mentalität im Gesundheitswesen begrenzen.

3. GKV-Beitrags s e n k u n g e n sind sofort möglich, wenn die Beitragsbemessungsgrenze (BBG) e r h ö h t wird. Denn jenseits von 3.712,50 € pro Monat Brutto BBG zahlen weder gutverdienende Arbeitnehmer noch Arbeitgeber einen weiteren Cent Krankenkassenbeitrag. Die finanzielle Hauptlast tragen die kleinen und mittleren Einkommensgruppen mit 15,5 % vom Brutto (8,2% AN - 7,3% AG) für die GKV. Wer 8.000 € mtl. brutto hat, zahlt nur 7,2% in die GKV ein (AN 4,05% und AG 3,15%): Damit bleiben jährlich 51.450 € bzw. monatlich 4.287,50 € GKV-Beitrag f r e i ! (AN=Arbeitnehmer, AG=Arbeitgeber)

4. Der vom Altmeister Professor Fritz Beske vorgeschlagene "steinige Weg zur Priorisierung" ist nichts anderes als eine Leistungs r a t i o n i e r u n g und führt zu einer unseligen Triage, nach der sich medizinische Leistung mit hohen, mäßigen oder fehlenden Erfolgsaussichten noch "lohnen" sollen oder nicht. Bürokratische Priorisierungs-Gremien sollen dann am grünen Tisch entscheiden, bei wem welche medizinischen Maßnahmen wann, wo, wie und warum durchgeführt werden könnten?

Zur Entrümpelung des Leistungskatalogs der GKV u n d Fortschreibung prioritärer Gesundheitsziele gibt es bereits genügend Instrumentarien, Herr Kollege, Prof. Beske! Und das ist n i c h t Ihr Kieler IGSF, auch nicht der verstaubte Gemeinsame Bundesausschuss G-BA, das IQWiG oder die Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Sondern das ist der medizinische Fortschritt mit Innovationen und Wettbewerb in Forschung, Wissenschaft, Lehre, Pharmazie, Krankenversorgung, Pflege, Rehabilitation, Palliation, Versorgungsforschung und, nicht zu vergessen, kompetenter Professionalität und Erfahrung in allen beteiligten Berufsgruppen. Denn wenn wir "Helferinnen und Helfer" vor einem konkreten Krankheitsproblem, vor einer vitalen Einschränkung oder dramatischen Zuspitzung keineswegs hilflos, sondern aktiv nach Lösungsstrategien suchend stehen, bringt uns Ihre Priorisierungsdebatte im Elfenbeinturm keinen Deut weiter.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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