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Medizin

Antidepressiva in der Perinatalphase behindern Hirnwachstum bei Ratten

Dienstag, 25. Oktober 2011

San Francisco – Die Exposition mit Antidepressiva in der Perinatalphase hat in einer tierexperimentellen Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS 2011; doi: 10.1073/pnas.1109353108) deutliche Spuren im Gehirn von Ratten hinterlassen. Die Befunde liefern eine mögliche Erklärung für jüngste Ergebnisse epidemiologischer Studien.

Im Juli war eine Fall-Kontrollstudie zu dem Ergebnis gelangt, dass Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) behandelt wurden, ein zweifach erhöhtes Risiko auf eine Autismusspektrums-Störung (ASD) haben.

Beides, die Verordnung von SSRI und die Diagnosen von ASD haben im letzten Jahrzehnt in den USA deutlich zu genommen. Eine weitere Studie hatte die Dauer der SSRI-Therapie in der Schwangerschaft mit – allerdings milden – motorischen Entwicklungsstörungen des Kindes in Verbindung gebracht.

Eine schädliche Wirkung von SSRI ist biologisch plausibel, da der Neurotransmitter Serotonin, dessen Aktivität durch die SSRI verstärkt wird, bei der Hirnentwicklung eine wichtige Rolle spielt. Besonders groß soll der Einfluss im dritten Trimenon sein.
 

Änderungen des natürlichen Gleichgewichts könnten sich negativ auf die Hirnentwicklung auswirken, vermutet Rick Lin vom University of Mississippi Medical Center in Jackson/Mississippi. Die Forschergruppe hat deshalb die Wirkung einer perinatalen Exposition bei Ratten untersucht. Zum Einsatz kam Citalopram, das eine spezifischere Wirkung auf das Serotonin-System hat als andere SSRI, die oft auch andere Neurotransmitter wie Dopamin oder Noradrenalin verstärken.

Lin hat die Auswirkungen von SSRI in der unmittelbaren pränatalen und der postnatalen Phase untersucht. Bezüglich der Hirnentwicklung, die auch bei Ratten bei der Geburt noch nicht abgeschlossen ist, entspreche die Phase dem dritten Trimenon beim Menschen, schreibt der Neurobiologe.

Die Exposition wirkte sich auf das Verhalten der jungen Ratten aus. Ihr juveniler Spieltrieb war vermindert und sie zeigten eine ausgesprochene Neophobie: Bei ungewohnten Tönen gefroren die Bewegungen, und ungewöhnliche Objekte oder Gerüche weckten nicht ihre Neugierde, wie dies normalerweise bei jungen Ratten der Fall ist.

Die Verhaltensstörungen, die Lin durchaus an die Symptome der ASD erinnern, persistierten bis ins Erwachsenenalter der Tiere. Besonders ausgeprägt waren sie bei den männlichen Tieren, was ebenfalls gut zum ASD passt. Autistische Störungen treten bei Jungen drei- bis viermal häufiger auf als bei Mädchen.

Auch bei der Untersuchung der Gehirne stießen die Forscher auf Veränderungen, die sich mit dem Krankheitsbild einer ASD in Verbindung bringen lassen. In den Raphe-Kernen, Ansammlungen von serotinergen Neuronen an der Nahtlinie zwischen den beiden Großhirnhemisphären, kam es zu einer dramatischen Reduktion in der Dichte der Nervenfasern, schreibt Lin.

Er befürchtet, dass damit Verbindungen zu wichtigen Zentren für das Denken und Fühlen, wie der Hippocampus, vermindert vorhanden sind. Auch der Corpus callosum, einer direkte Verbindung zwischen den beiden Großhirnhemisphären, war insbesondere im vorderen Drittel ausgedünnt.

Auffällig war auch eine verminderte Myelinisierung. Diese „Isolierschicht“, die die Leitfähigkeit von Nerven erhöht, war teilweise um ein Drittel vermindert, berichten die Forscher. Die Schäden seien bei männlichen Tieren dreifach ausgeprägter als bei weiblichen Tieren.

Elektrophysiologische Untersuchungen zeigten bei den SSRI-exponierten Ratten Störungen in der Signalverarbeitung im auditorischen Cortex. Ähnliche Störungen, so Lin, fänden sich auch bei Kindern mit ASD. Auch wenn man bei der Extrapolation von tierexperimentellen Befunden auf die klinische Anwendung vorsichtig sein müsse, wie Thomas Insel, der Leiter des US-National Institute of Mental Health, dem Sponsor der Studie, einschränkt, dürften die Ergebnisse den Druck auf die Arzneibehörde FDA verstärken, den Einsatz von SSRI in der Schwangerschaft einzuschränken.

Bislang geht die Behörde davon aus, dass eine nicht-behandelte Depression der Mutter in der Schwangerschaft gravierendere Folgen für das Kind haben kann kann als SSRI. Einzelne SSRI waren in der Vergangenheit auch mit Fehlbildungen und einer persistierenden pulmonalen Hypertone in Verbindung gebracht worden. Außerdem leiden viele Neugeborenen in den ersten Lebenstagen unter einem neonatalen Abstinenz-Syndrom, also unter einem SSRI-Entzug.

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© rme/aerzteblatt.de

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