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Medizin

Hodgkin-Lymphom: Verzicht auf Strahlentherapie wäre möglich

Montag, 12. Dezember 2011

Kingston – Im Frühstadium des Morbus Hodgkin ist heute eine Heilung allein mit einer Chemotherapie möglich. Der Verzicht auf die begleitende Strahlentherapie verbessert laut einer Studie im New England Journal of Medicine (2011; doi: 10.1056/NEJMoa1111961) sogar das Langzeitüberleben, da es seltener zu Sekundärkarzinomen kommt. Kardiale Komplikationen waren unter alleiniger Chemotherapie ebenfalls seltener.

Eine ausgedehnte Strahlentherapie hat vor 20 Jahren erstmals eine Heilung des Morbus Hodgkin im Frühstadium ermöglicht. Später wurde entdeckt, dass die Kombination mit einer Chemotherapie eine Reduktion der Strahlendosis erlaubt, ohne die Heilungschancen zu gefährden, die heute bei etwa 90 Prozent liegen.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass eine diagnostische Laparotomie zum Ausschluss eines subdiaphragmalen Befalls nicht mehr notwendig ist. Standard im Stadium I und II der Erkrankung ist heute eine Vierfachchemotherapie aus Doxorubicin, Bleomycin, Vinblastin und Dacarbazin (ABVD) plus einer auf das Lymphom beschränkten Bestrahlung, die zuletzt in der deutschen HD10-Studie exzellente Ergebnisse erzielte (NEJM 2010; 363: 640-52).

Jetzt kommt die kanadische „Hodgkin's Disease.6“ oder HD.6-Studie zu dem Ergebnis, dass völlig auf eine Radiotherapie verzichtet werden kann. Die Studie schloss 405 Patienten im Stadium IA oder IIA ohne größere Tumormassen („non-bulky“) ein. Alle erhielten eine ABVD-Chemotherapie. Nur bei der Hälfte der Patienten wurde zusätzlich eine ausgedehnte „subtotale“ Strahlentherapie durchgeführt, die zu Beginn der Studie im Jahr 1994 noch der Standard war.
 

Nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 11,3 Jahren waren unter der Kombination aus Radio- und Chemotherapie noch 92 Prozent ohne erneute Krankheitsprogression. Unter der alleinigen Chemotherapie waren es mit 87 Prozent nicht signifikant weniger. Auch im Endpunkt ereignisfreies Überleben (85 vs. 80 Prozent) gab es keine signifikanten Unterschiede.

Im Gesamtüberleben war die alleinige Chemotherapie dagegen im Vorteil (94 vs. 87 Prozent). Anders ausgedrückt: Es starben in den ersten 11,3 Jahren nach der Therapie nur halb so viele Patienten, wenn auf die ausgedehnte Radiotherapie verzichtet wurde (Hazard Ratio 0,50; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,25-0,99).

Die Ursache sehen Ralph Meyer von der Queen’s University in Kingston im kanadischen Teilstaat Ontario und Mitarbeiter in der verminderten Rate von Langzeitkomplikationen. Die ausgedehnte Bestrahlung fördert die Entstehung anderer Krebserkrankungen.

Diese manifestieren sich erst viele Jahre nach der Bestrahlung, und die Autoren gehen deshalb davon aus, dass der Vorteil der alleinigen Chemotherapie in den nächsten Jahren eher noch größer wird. Dann könnte auch der Anstieg der Herzkrankheiten, eine weitere Spätfolge der Radiotherapie im Brustbereich, sich negativ auf die Prognose der bestrahlten Patienten auswirken, vermutet Meyer.

Da die heutige Strahlentherapie weniger ausgedehnt und die Strahlendosis niedriger ist, dürften die Risiken geringer sein. Der Editorialist David Straus vom Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York weist jedoch darauf hin, dass auch in der HD10-Studie (mit aktuellen Bestrahlungsprotokollen) nach 7,5 Jahren Nachbeobachtung mehr Patienten an sekundären Krebserkrankungen oder Herzkrankheiten gestorben sind als an einem Morbus Hodgkin, so dass Spätkomplikationen der Bestrahlung weiterhin von Bedeutung seien. Straus erwartet deshalb, dass die Strahlentherapie, wenn nicht aufgegeben, so doch weiter zurückgedrängt wird.

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© rme/aerzteblatt.de

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