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Ausland

Sterbehilfe-Vorstoß in Großbritannien sorgt für Kontroverse

Donnerstag, 5. Januar 2012

London – Ein neuer Vorstoß für Sterbehilfe sorgt in Großbritannien für eine Kontroverse. Nach dem gestern Abend veröffentlichten Vorschlag einer Kommission, die von Befürwortern einer Gesetzesänderung eingerichtet wurde, sollen Volljährige, die unheilbar krank sind und eine Lebenserwartung von weniger als einem Jahr haben, einen assistierten Suizid wählen können. Die anglikanische Church of England und katholische Vereinigungen wiesen die Initiative zurück. Für die anglikanische Kirche warnte Bischof James Newcome heute vor Missbrauch, wenn die bestehende Praxis liberalisiert werden sollte. 

Die „Commission on Assisted Dying“ unter Leitung des früheren Generalstaatsanwalts und Lordkanzlers Lord Falconer sprach sich in ihrem Gutachten dafür aus, die Möglichkeiten eines Suizids unter Beihilfe deutlich auszuweiten. Voraussetzung sei, dass die Betreffenden nicht geistig beeinträchtigt seien und die Sterbeabsicht mit zwei unabhängigen Ärzten erörtert werde. Zudem müsse die betreffende Person das todbringende Präparat selbst einnehmen können. Die Kommission verlangte weiter einen Ausbau der Pflegeangebote, um Patienten am Lebensende nicht zum Suizid zu drängen. 

Von den elf Mitgliedern der Kommission, zu der Mediziner und Rechtsexperten gehörten, trug der anglikanische Kanoniker James Woodward den Vorschlag nicht mit. Das geltende Recht solle nicht geändert werden, bevor nicht ein größerer ethischer und gesellschaftlicher Konsens erreicht sei, sagte Woodward laut britischen Medien. Das Gremium war von der Vereinigung „Dignity in Dying“ aufgestellt worden und hatte den Berichten zufolge über ein Jahr hinweg 1.300 Stellungnahmen ausgewertet. 

Bischof Newcome, Oberhirte der anglikanischen Diözese Carlisle, nannte die Kommission eine selbst ernannte Gruppe, die Kritiker des assistierten Suizids von vornherein ausgeschlossen habe. Die Kommission habe Bedenken nicht zerstreuen können, dass besonders schutzbedürftige Personen gegen einen Missbrauch der Regelung abgesichert seien. In allen Ländern, die assistierten Suizid oder Sterbehilfe zuließen, gebe es Verletzungen der Schutzbestimmungen und «beachtliches Versagen in der Überwachung und Dokumentation», so der Bischof. © kna/aerzteblatt.de

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Nussknacker
am Freitag, 6. Januar 2012, 10:26

@advokatus diaboli

Suizidassistenz mag menschlich sein, etwa so menschlich wie ein "Gnadenschuss". Ärztlich ist sie nicht, medizinisch nicht zwangsläufig, "der Sache" dienlich: hoffentlich. Überließe man diese Tätigkeit im beginnenden 21. Jahrhundert nach Christus und 5. Jahrhundert nach der Aufklärung nicht besser dem medizinisch gebildeten Henker?
advokatus diaboli
am Freitag, 6. Januar 2012, 05:52

Ärztliche Suizidassistenz ist ein Akt höchster Humanität!

Auch hierzulande sollte der parlamentarische Gesetzgeber eine entsprechende Regelung auf den Weg bringen, zumal ein ethischer und breiter gesellschaftlicher Konsens gerade mit Blick auf die Liberalisierung der ärztlichen Suizidbeihilfe besteht. Nahezu alle bisher eingerichteten Ethikkommissionen haben jedenfalls dafür plädiert, dass die verfasste Ärzteschaft von einer strikten berufsrechtlichen Missbilligung der ärztlichen Suizidassistenz absehen sollte. Entgegen dem Vorschlag in der ärztlichen Musterberufsordnung haben bisher zwei Ärztekammern das auf dem 114. Deutschen Ärztetag beschlossene Verbot der ärztlichen Suizidbeihilfe nicht übernommen und durch eine ausgewogene Regelung ersetzt. Indes bleibt es aber die Aufgabe des hinreichend demokratisch legitimierten Gesetzgebers, hier seinen grundrechtlichen Schutzpflichten nachzukommen und sich endlich sich der Problematik anzunehmen, nicht zuletzt auch deswegen, weil bedeutsame Grundrechte sowohl der Ärzteschaft als auch der Patientinnen und Patienten betroffen sind, die jedenfalls von der BÄK nicht in einem gehörigen Maße berücksichtigt resp. gewertet worden sind. Die ethische Grundsatzdebatte ist seit Jahrzehnten geführt worden und im Ergebnis kann es als nicht zweifelhaft gelten, dass das Selbstbestimmungsrecht (aber eben auch andere einschlägige Grundrechte) höchstrangige Werte darstellen, die dem Paternalismus durchaus Grenzen ziehen. Der immer wieder vorgenommene Versuch, die Bedeutung der Autonomie und damit des Selbstbestimmungsrechts „klein zu reden“, ist aus guten Gründen gescheitert, wie sich unschwer durch einen unbefangenen Blick in das Grundgesetz ergibt. Im Rekurs auf den ethischen Standard unseres gemeinsamen Grundgesetzes ist die Argumentationsbasis der Gegner der ärztlichen Suizidassistenz mehr denn je „schmaler“ geworden und es wird weder der Theologie noch der Philosophie gelingen, im aufgeklärten 21. Jahrhundert das Rad der Geschichte zurückzudrehen, auch wenn es natürlich jedem selbst überlassen bleibt, für sich die Fragen nach einem „würdigen Sterben“ zu beantworten. Zwischen der Palliativmedizin und einer Befürwortung der ärztlichen Suizidassistenz gab und gibt es keinen Widerspruch. Schwersterkrankte Patientinnen und Patienten sind nicht verpflichtet, „Leid zu tragen“!

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