NewsPolitikFehlerhafte Brustimplantate: Ministerium sieht Kassen in der Pflicht
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Fehlerhafte Brustimplantate: Ministerium sieht Kassen in der Pflicht

Montag, 9. Januar 2012

dpa

Berlin – Nach der offiziellen deutschen Empfehlung, Billig-Brustimplantate der französischen Firma PIP entfernen zu lassen, ist am Wochenende eine Debatte über die Kostenübernahme entbrannt. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium sieht grundsätzlich die Kassen in der Pflicht. Diese wollen nach rein ästhetischen Operationen eine volle Kostenübernahme aber nicht garantieren und erwarten eine Beteiligung von Schönheits-Ärzten.

Das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hatte am Freitag generell empfohlen, PIP-Brustimplantate vorsichtshalber entfernen zu lassen. Es gebe vermehrt Hinweise, dass auch ohne Riss des Implantats Silikon austreten kann. In Deutschland sind nach Medienberichten womöglich mehrere tausend Frauen betroffen. PIP hatte weltweit hunderttausende Brustimplantate verkauft. Die Billigkissen reißen verstärkt und rufen Entzündungen hervor.

Eine Sprecherin des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums sagte am Samstag, grundsätzlich stünden die Kassen in der Pflicht, Gesundheitsgefahren abzuwenden. In Einzelfällen könne aber womöglich davon abgewichen werden, wenn etwa die Silikonkissen im Rahmen einer reinen Schönheitsoperation eingesetzt worden seien.

In diesem Fall müssten sich auch die operierenden Ärzte beteiligen, forderte der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen GKV am Sonntag. „Schönheitsoperationen sind ein lukratives Geschäft für Ärzte. Wir fordern die Ärzte auf, ihre Patientinnen mit den Folgekosten ihres ärztlich-unternehmerischen Handelns jetzt nicht alleine zu lassen“, sagte GKV-Sprecher Florian Lanz .

Anzeige

Zugleich versicherte er, dass die Kassen die Kosten für die medizinisch notwendige Entfernung und den Ersatz für die schadhaften Implantate übernehmen, wenn die Patientinnen die Silikonkissen aufgrund einer Erkrankung eingesetzt bekamen.

Wurden die Brustimplantate jedoch aus rein ästhetischen Gründen eingesetzt, gelte die gesetzliche Vorgabe, dass die Krankenkassen die Frauen an den Kosten beteiligen müssen. „Es ist auch zu fragen, ob es richtig wäre, die Solidargemeinschaft die finanziellen Folgen einer individuellen Schönheitsoperation voll tragen zu lassen“, sagte Lanz.

Auch nach Auskunft der größten gesetzlichen Kasse Barmer GEK müssen betroffene Frauen in diesem Fall damit rechnen, an den Kosten für eine Entfernung oder einen Ersatz der Silikonkissen beteiligt zu werden. Dies müsse aber im Einzelfall geprüft werden. Betroffene sollten unbedingt mit einem Arzt Rücksprache halten, sagte ein Sprecher.

In Frankreich hatten die Behörden bereits vor Weihnachten alle 30.000 betroffenen Frauen aufgefordert, sich die Prothesen entfernen zu lassen. PIP-Gründer Jean-Claude Mas hatte in einem Polizeiverhör zugegeben, drei Viertel seiner Prothesen mit einem Billig-Gel gefüllt zu haben.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) sieht in dem Skandal keinen Anlass, die bestehenden EU-Vorschriften zu ändern. Eine generelle gesetzliche Überprüfung der Regeln für den Marktzugang für Medizinprodukte wie Brustimplantate oder auch Knieprothesen sei nicht nötig, sagte eine Ministeriumssprecherin der Berliner tageszeitung vom Montag. Aus Frankreich und Großbritannien waren dagegen Forderungen nach einer strengeren Regulierung von Medizinprodukten gekommen.

Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, forderte in der Zeitung "eine deutliche Stärkung der Haftung der Unternehmen sowie eine deutlich ausgebaute Produktüberwachung durch unangemeldete Kontrollen und Stichproben". Es könne nicht sein, dass die Zertifizierungsstellen nur nach vorheriger Anmeldung Stichproben beim Unternehmen nehmen würden. © apf/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

11. Dezember 2019
Berlin – Nach Ansicht der Bundesregierung bietet der 3-D-Druck für viele Industriebereiche interessante Lösungsansätze. Das gilt auch für Medizinprodukte, vor allem der Orthetik und Prothetik. Das
3-D-Druck für Medizinprodukte interessant
26. November 2019
Berlin – Der Übergang zu der im Mai 2017 in Kraft getretenen EU-Medizin­produkte­verordnung (MDR) verläuft nach Angaben der Bundesregierung nicht reibungslos. Es mangele wegen der langen Dauer des
Handlungsbedarf bei Medizinprodukten
21. November 2019
Berlin – Vor einem zunehmenden Kostendruck bei Implantaten hat die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik (AE) gewarnt. Grund dafür sei eine sinkende Vergütung der Sachkosten durch die gesetzliche
Kostendruck bei Implantaten gefährdet Therapie
21. November 2019
Sydney – Ein australisches Gericht hat den Pharmakonzern Johnson & Johnson heute der Fahrlässigkeit für schuldig befunden, weil er mangelhafte Beckenboden-Netzimplantate ohne ausreichende Tests
Johnson & Johnson droht Millionenzahlung wegen mangelhafter Beckenbodennetze
19. November 2019
Düsseldorf – Die Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNO) hat den Gesetzgeber aufgerufen, konkrete Maßnahmen zur Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung der Bevölkerung mit
ÄK Nordrhein mahnt Maßnahmen gegen Arzneimittelengpässe an
19. November 2019
Düsseldorf – Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat bei der Medizinmesse Medica in Düsseldorf eine Handreichnung „Sicherheit von Medizinprodukten – Leitfaden zur Nutzung des
BSI stellt Leitfaden zur Cybersicherheit von Medizinprodukten vor
6. November 2019
Berlin – Medizinprodukte wie Implantate oder Verbandsmaterial sollen künftig mit weniger Risiken für Patienten verbunden sein: Das Bundeskabinett billigte heute einen Gesetzentwurf von
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

  • @ texte-jon | dr.med.thomas.g.schaetzler | 12.12.19 08:54 | Vermischtes
  • @Mitdenker | Rollkragen | 12.12.19 08:40 | Politik
  • Typisch deutsch ? | Machts Sinn | 12.12.19 07:57 | Politik
  • Ja | texte-jon | 12.12.19 07:20 | Vermischtes
  • Beamte in GKV | ziebur311265 | 12.12.19 00:57 | Politik

Archiv

NEWSLETTER